Wenn der Besitzer einer Kleiderboutique orange T-Shirts mit lila Punkten einkauft, die niemand haben will, dann muss er die Preise senken. Er wird sie senken bis zu dem Punkt, an dem die Käufer den Geldbeutel öffnen - man nennt dies Ausverkauf. Macht er es nicht, bleibt er auf der Ware sitzen. Er kann natürlich auch hoffen, dass im nächsten Jahr diese T-Shirts zum neuen Lifestyle erkoren werden, doch die wenigsten handeln so, weil die Gefahr das Lager mit unverkäuflicher Ware zu füllen, viel zu gross ist.
Vor dem gleichen Problem stehen nun die Banken. Der Immobilientrend ist passé und viele Finanzinstitute hatten die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ihre Lager quellen über mit Ramschanleihen. Ausverkauf wäre angesagt, doch die Banken machen den fehlenden Markt dafür verantwortlich.
Die Vorschrift, dass Finanzinstitute Aktiva zum Marktwert in ihren Büchern führen, wird zunehmend kritisiert. Es wird befürchtet, dass sie zur Verschärfung der Finanzkrise beigetragen hat, schreibt die NZZ.
Selbstverständlich würde dadurch die Krise verschärft, aber fragen Sie einmal den Besitzer einer Kleiderboutique, ob das jemanden interessiert. Geschäftsrisiko heisst das in der Wirtschaftssprache. Eigentlich etwas, dass man den Banken nicht erklären müsste.
Henri de Castries sprach von einem konzeptuellen Fehler, da die Regel zu unrealisierten Buchverlusten führe, die mit teurem Eigenkapital unterlegt werden müssten, aber nach Überwindung der Krise vermutlich zu einem signifikanten Teil rückgängig gemacht werden könnten.
Was würde wohl ein Banker den Boutique-Besitzer fragen, wenn er darauf bestehen würde, dass orange T-Shirts mit lila Punkten ganz sicher nächstes Jahr reissenden Absatz finden werden?
Martin Sullivan von der American Insurance Group (AIG) weist auf die unbeabsichtigte Konsequenz hin, dass Finanzinstitute Verluste ausweisen müssen, obwohl sie nicht beabsichtigten, Aktiva zu den gegenwärtigen tiefen Bewertungen zu verkaufen; er fordert ihre Suspendierung.
Oh Herr, lass Hirn vom Himmel regnen...
Der «Guru» für Anlagen in aufstrebenden Märkten, Mark Mobius von Franklin Templeton, bezeichnet die Kreditkrise als Folge der nicht begründbaren Buchführungsvorschriften.
Nicht begründbar? Lieber Herr Mobius, das ist Marktwirtschaft!
Und der Chefökonom der britischen Bank HSBC, Stephen King, fordert eine Überprüfung und – möglicherweise – Suspendierung der Vorschriften, die in «Mark to market»-Tyrannei umbenannt werden könnten.
Die Tyrannei des Marktes gehörte bislang nicht zu den bekannten Vokabeln westlicher Oekonomen.
"Sie machen hier gute Banken mit gutem Kerngeschäft kaputt", kritisierte Schumacher am Freitag. Denn die an Marktpreisen orientierte Bewertung von Kreditderivaten führe "ins Absurde", wenn der Markt ausgetrocknet sei und Nachfrage fehle.
Der Markt ist nur ausgetrocknet, weil die Banken die Preise für die Anleihen nicht senken wollen.
Allerdings gibt es auch Banker, die vor einer Aufweichung warnen - wie etwa Eurohypo -Chef Bernd Knobloch. Dies gelte selbst dann, wenn das Vorgehen kurzfristig zu "schmerzhaften und falschen" Bewertungen führe. In Boom-Zeiten habe sich hierüber schließlich auch niemand beschwert, so sein Fazit.
Tja so isses - und mancher Banker hat davon auch ganz ordentlich profitiert.
Einen Grossteil der Kritik halten die Revisoren für Schutzargumente von Finanzinstituten, die von Anlage- und Managementfehlern ablenken sollen.
Und um das nicht eingestehen zu müssen, was sowieso schon alle wissen, bringen jetzt die Banken Experten in Stellung, die die Oeffentlichkeit für dumm verkaufen wollen.
Zunehmende Kritik an «Mark to market»-Regel
Zeitler will Banken helfen
Banken drängen auf gelockerte Bilanzierung (Trackback)
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Geschrieben von: wabe , am 04-04-2008 06:17 Irgendwie haben es die Banker noch nicht kapiert, dass man nicht nur die Vorteile der Marktwirtschaft in Anspruch nehmen kann, sondern dass es auch Pflichten gibt. Geschrieben von: kosh, am 04-04-2008 10:09 Saletti Die schönste Satire ist noch immer die Realsatire. Wie Kinder, die sich ungerecht behandelt fühlen, obwohl man ihnen die Regeln schon x-Mal ins Gehirn gemartert hat, quängeln die GUTESTEN nun die Presse voll mit ihren Problemen. Du kennst sicher den Hilfe erheischenden Blick zu den Umstehenden, man möge doch bitte Recht vor Recht walten lassen und wider besseres Wissen und Erfahrung in diesem Fall eine Ausnahme machen. Und wenn wir schon dabei sind soll sich der Pöpel gefälligst bemühen, einen Kapitalschutz für kapitale Kapitalisten-Versager aufgleisen, sprich die Regeln im Nachhinein und für die Zukunft gleich auch noch ändern. Verschiebe doch auf morgen, was du heute kannst besorgen. Damit wir in Zukunft sehenden Auges auch die nächsten Schranken niederreissen um vor dem genau gleichen Problem wiederum zu scheitern. Es hat schon seinen Grund, warum Insolvenzverschleppung vor den Kadi kommt, denn Probleme sind zum lösen da, nicht zum vor sich her schieben. Aber genau diese Insolvenzverschleppung soll nur zur Staatsräson erklärt werden insofern sie Kapitalinstitute betrifft. Nicht nur dass neue Ellen geschaffen werden sollen, rückwirkend, nein, die Ellen sollen auch nicht für alle gleich lang sein. Es lebe der Markt, insbesondere der Marktchef und seine Kumpanei, besser bekannt als Marktmacht. Geldadel - fällt mir spontan dazu ein - staatlich geadelte Geldhalter mit Protestschilder "Freie Marktwirtschaft" rundherum zugetackert. Weil's so auch an dieser Stelle so wunderbar passt: aus http://www.steinbergrecherche.com/08braeutigam.htm "Kürzlich las ich eine (wie mir schien) äußerst treffende Glosse über die „Aufstand-inTibet“-Fernsehberichterstattung, eine Glosse, in der die journalistische Aufbereitung der Nachrichten ungefähr so persifliert wurde: Wir sehen Bilder von einem schwarzen Kleinwagen, der auf einen Baum geprallt ist. Im Text dazu ist von einer weißen Limousine die Rede, die eine graue Wand gestreift habe; Sachkundige aus einer anderen Ortschaft, die angeblich ebenfalls schon einmal eine graue Wand gesehen haben, äußern sich zu den Möglichkeiten, das Streifen grauer Wände zu verhindern, wenn man sich nur bei den Fahrern grüner Autos erkundigt; Architektur-Experten wiederum werden interviewt zur Frage, ob blaue Wände nicht stabiler seien als graue und weniger oft von Fahrrädern gestreift werden, während andere Fachleute sich zur Frage äußern dürfen, ob rote Kinderwagen auf Holztreppen verkehrssicher sind, und ob man nicht als Gegenmaßnahme gegen die ständigen Unfälle an grauen Wänden diese gelb anstreichen sollte. So ähnlich „informieren“ unsere elektronischen Massenmedien tatsächlich ..." Und tatsächlich, auch die Subprimekrise wird auf die Art abgewickelt, selbst unsere kapitalen Führer haben nix als Sand für unsere Augen. Nach Jahren der Gehirnwäsche über freie Marktwirtschaft sollen wir urplötzlich unsere mit Stahlnägeln eingehämmerten Ansichten über den Kapitalismus mir nichts dir nichts mit der Kneifzange aus ihrem Korsett befreien und durch eine neue, angepasste Version, frei von Gleichen unter Gleichen Marktwirftschaft, ersetzen. Und natürlich sofort wieder mit neuen Stahlnägeln verschliessen lassen, am besten auf Kredit :-). Einfach so, als hätte es die vorangehende Propaganda nie gegeben, als hätte plötzlich der Markt nicht mehr Recht, als würde der Markt nicht mehr regeln, als müsste ein Plan her, ein Plan zur Regelung der Wirtschaft, eine Planwirtschaft. Es lebe der Fünfjahrplan - Subprimes und andere Ladenhüter die nächsten fünf Jahre in die Versenkung - die Amis auf Kurs Grüsse kosh Geschrieben von: Zbigniev, am 04-04-2008 10:10 Mich hat das immer gewundert , dass man durch Wertberichtigung der Aktiva von heute auf morgen vom Verlust 4 Milliarden Euro auf Gewinn 4 Milliarden Euro kommen kann. Wie beim Siemens 2002.Je nach Lust und Laune kann man z.B. Aktien als "langfristige Anlage" einstufen - dann zum Anschaffungspreis in die Bücher eintragen , oder auch als "Aktiva zum baldigen Verkauf" betrachten und dann stehen sie in den Bilanzen im "Marktwert" ( zum Börsenkurs ) des Bilanztages. Meiner Meinung nach sollen solche nichtrealisierte "Gewinne" aus der Wertberichtigung der Aktiva erst gar nicht in die Bücher , geschweige von der Auszahlung der Managerprämien für die "gute Arbeit". Geschrieben von: egghat , am 04-04-2008 17:56 Tolle Sammlung der Kommentare! Aber ich bin mir fast sicher, dass das doch so kommt. In der letzten Krise (dem Platzen der Internet/Übernahme-Blase) wurde auch die Regel abgeschafft, dass man den Goodwill der (viel zu teuer) übernommenen Firmen abschreiben *muss*. Danach konnte man bewerten, wie es die Firma halt wert ist. Naja, der beauftragte Wirtschaftsprüfer schätzte halt einen Wert. Wenn man so will, wie bei einem Level-3-Wertpapier. Das wurde aber weniger gemacht, weil das realistischer ist, sondern weil es die Bilanzen der Firmen schonte. Und es gibt noch eine Grund: Es erhöht den Gewinn und damit TATATA die Steuern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ... Artikel kommentieren
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Erhalten von: Bilanzierung zu Marktpreisen - Nein, Danke! • Börsennotizbuch , am 06-04-2008 12:58 (PB) [...] Im Beitrag von egghat wird auch auf Zeitenwende.ch verwiesen, hier der Link (den egghat wohl vergessen hat): Ausverkauf der freien Marktwirtschaft [...] |