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Wirtschaften auf Sicht PDF Drucken E-Mail
Freitag, 30. Oktober 2009
In den letzten Wochen ist es hier ruhig geworden, sehr ruhig und das hat auch einen Grund. Mir fehlt zunehmend die Motivation über die ewig gleichen Wellen an der Wasseroberfläche zu schreiben, solange sich am Meeresboden nichts ändert. Und es hat sich nichts geändert. Die grösste Finanzkrise seit 1929 hat nicht dazu geführt, dass man sich grundsätzliche Fragen gestellt hätte. Statt Change erleben wir ein pragmatisches Weiter so im Sinne derer, die die Krise verursacht haben.

Das kurzfristige Denken der Banken spiegelt sich nun auch im Verhalten der Politik. Deutschland fährt jetzt einen Staatshaushalt auf Sicht und ist damit in guter Gesellschaft. Maastricht-Kriterien sind zu Makulatur geworden. Was gestern noch Gültigkeit besass, wird heute schonungslos über Bord geworfen. Der Grund ist und bleibt der gleiche, die Welt will Wachstum und da will sich niemand ideologisch in den Weg stellen. Egal ob links oder rechts, für das Schulden machen sind sie alle.

Noch nie wurde uns so klar aufgezeigt, dass Wachstum nur durch Schulden entsteht. Was zuvor die Banken und Konsumenten gemacht haben, müssen nun die Staaten übernehmen. Doch wer rettet dann die Staaten, wenn sie für ihre Schulden keine Investoren mehr finden? Die politischen Würdenträger gehen dieser Frage genau so strikt aus dem Weg wie das Individuum der Frage nach dem eigenen Tod. Deshalb fahren die Staaten noch ein bisschen weiter auf Sicht, bis sie eines Tages die Augen schliessen. Wann das sein wird, wissen wir genau so wenig wie das Datum des eigenen Ablebens. Doch dass der Zeitpunkt näher rückt, braucht niemandem mehr erklärt zu werden.

In der Zwischenzeit streiten die Aerzte über die Massnahmen, um das Ende aufzuschieben und verkaufen uns Abwrackprämien als nachhaltige Konjunkturmassnahmen. Das Ende der Rezession wird ausgerufen, wenn das BIP auf tiefem Niveau wieder einmal einen kleinen Sprung macht. Doch wer genau hinsieht, realisiert schnell, dass es den einzelnen Organen immer schlechter geht. Das "Personal Income" ist in den USA weiter gesunken, die Arbeitslosigkeit weiter gestiegen. Die Milliardensegnungen der Staaten haben den Bürgern nicht neue Kraft gegeben, sondern deren finanzielles Ableben verhindert. Doch die Schulden sind immer noch da, die Vermeidung des Systemkollapses hat das Ausbuchen der Schulden verhindert. Die Fehlallokation seitens der Gläubiger wurde nicht sanktioniert und ihr Geld galoppiert renditehungrig weiter durch die Kapitalmärkte.

Aus diesem Grund glauben zahlreiche Beobachter an eine Hyperinflation. Denn wo das Geld sich nicht in Luft auflöst, wenn es für toxischen Müll aufgewendet wurde, braucht es einen neuen Hafen. Und diesen Hafen können eigentlich nur Sachwerte sein - Boden, Rohstoffe und Edelmetalle. Auf der anderen Seite stehen die Deflationisten, welche wegen dem zwangsweisen Konsumverzicht mangels finanzieller Möglichkeiten auf die Gleichung setzen: Weniger Nachfrage = sinkende Preise; sinkende Preise = Zusammenbruch der Unternehmen.

Interessant ist in dieser Situation überreifer langfristiger Zyklen auch der Einfluss der Finanzindustrie. Laut William K. Black hat sich ihr Anteil an den Gewinnen in der Wirtschaft in 40 Jahren von 2 Prozent auf 40 Prozent erhöht. Doch eines hat Black nicht verstanden. Laut ihm sollten die Banken eine Vermittlerrolle in der Wirtschaft spielen und deshalb wie alle Vermittler so klein als möglich bleiben, ansonsten sie zu Parasiten werden. Wenn es denn so wäre. Banken sind mehr als das. Sie vermitteln nicht nur, sie schaffen auch Geld. Von fractional reserve banking oder Giralgeldschöpfung hat er offenbar noch nichts gehört und ist damit in guter Gesellschaft. Doch wer das nicht verstanden hat, hat auch die Wirtschaft nicht verstanden und wird auch in Zukunft überrascht sein, wenn plötzlich ein Eisberg die Sicht verstellt und die Eisberge da draussen sind grösser als man denkt.

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RSS Kommentare Kommentare (4)

Geschrieben von: MNB, am 30-10-2009 17:03
Sicher doch haben die Banken auch eine Vermittlerrolle. Nur eben eine sehr privilegierte. Weil sie allein an den Thresen der ZB dürfen.

Aber ich schreibe v.a. wegen Deiner ersten Zeilen. Ich glaube, viele teilen Deine "Verzweiflung", weil man Ende letzten Jahres an Veränderungen glaubte und sich prinzipiell nichts geändert hat. Gerade mal, daß die Leitplanken einen neuen Anstrich bekamen. - Weisst Du, wie man den Wähler aus seiner Lethargie erweckt.

Geschrieben von: HRR, am 30-10-2009 17:33
Dass diejenigen, die an den goldenen Futtertrögen sitzen nichts ändern wollen, versteht sich von selbst. Doch damit etwas geändert werden kann, muss erst einmal das Wissen da sein, wie Banken eigentlich funktionieren.

In den Köpfen ist immer noch "Geld verschwindet nicht, es hat nur ein anderer". Dieser Spruch, der noch vom Gold gedeckten Geld herstammt ist nicht nur falsch, er führt auch zu den falschen Schlüssen, wie man in der Krise agieren soll.

Geschrieben von: steinklopfer, am 30-10-2009 20:09
Gut gebrüllt Löwe ... aber was nun :?
Schnelle Lösung gibt es keine. Vor allem keine die dem Konsens genügen und damit breite Unterstützung finden könnte.
Und schnell muss sie sein, es bleibt nicht viel Zeit. Geschichte wiederholt sich weil wir aus selbiger nix lernen.

Geschrieben von: egghat website, am 30-10-2009 23:05
Ja leider sehr ruhig ...

Ich will dir jetzt mal etwas Motivation geben: Schreib nicht, damit sich die Welt ändert, sondern dafür, dass ein paar Leute mehr die wichtigen Informationen bekommen.


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