Was ist wichtiger: die Wirklichkeit oder deren Interpretation? Mark
Twain beantwortete die Frage so: "Ich hatte in meinem Leben viele
Probleme, die meisten waren nur in meinem Kopf."
Hand aufs Herz, für wen gilt das nicht?
Es ist nicht die Wirklichkeit, die unser Leben bestimmt, sondern die
Wahrnehmung der Wirklichkeit. Und diese Wahrnehmung ist äusserst
beschränkt. Wer sich davon überzeugen möchte, der mache den folgenden
Test. Im Video treten zwei Gruppen von Spieler auf. Die eine trägt
schwarze T-Shirts, die andere weisse. Zähle nun, wie oft sich die
"weisse Gruppe" den Ball zuspielt.
Die
Hälfte aller Personen, die dieses Video zum ersten Mal sieht, bemerkt
die Frau im Gorillakostüm nicht. Werden die Teilnehmer hingegen
aufgefordert, die Pässe der "schwarzen Gruppe" zu zählen, dann
verpassen nur 30 Prozent den Gorilla, weil der Gorilla selbst schwarz
ist und stärker im Focus der Aufmerksamkeit steht.
Wir sehen
also nicht das, was tatsächlich passiert, sondern das, was wir sehen
wollen. Dieser Wille richtete sich im vorangegangenen Beispiel auf die
Anzahl Pässe. Fast alle Teilnehmer schafften es auch, diese korrekt zu
zählen. Dieses Phänomen ist auch als Tunnelblick bekannt. Sportler oder
Forscher setzen diesen bewusst ein, um ihre ganze Energie auf eine
bestimmte Situation zu richten. Gefährlich wird es hingegen, wenn wir
einen Tunnelblick haben, ohne uns dessen bewusst zu sein. Dann glauben
wir die Wirklichkeit zu beurteilen, dabei sehen wir nur ein Bruchteil
dessen, was sich tatsächlich vor unseren Augen abspielt.
An
der Börse lässt sich dieses Phänomen ständig beobachten. Vor der
Finanzkrise hatten die Marktteilnehmer nur Augen für den Aufschwung.
Als sich im Jahr 2007 die Wahrnehmung änderte und immer mehr Menschen
den Gorilla entdeckten (hohe Verschuldung bei den Hypotheken), brachen
die Finanzmärkte ein. Banker schlotterten, Politiker hyperventilierten
und Experten wechselten über Nacht die Power-Point-Folien aus. Erst
als die Regierungen Milliarden in den Ring warfen, fand die Konjunktur
wieder Tritt. Die Aktien machten Luftsprünge, die Gier nahm wieder
Fahrt auf. Doch gerade als es am Schönsten war, rief wieder einer
Gorilla - entdeckt wurde er in Athen. Später tauchten noch Kopien in
Irland, Portugal, Spanien und Italien auf. Jetzt basteln die Politiker
wieder daran, den Affen vom Parkett zu holen und es dürfte ihnen noch
einmal gelingen: Europäische Wirtschaftsregierung, Eurobonds usw.
Die
Finanzmärkte sind der beste Beweis dafür, dass die Interpretation der
Wirklichkeit erst die Wirklichkeit erschafft. Manchmal sehen die
Marktteilnehmer den Gorilla und manchmal sind sie blind dafür. Dieser
Wechsel der Wahrnehmung führt ständig zu neuen Aktionen, die die
Wirklichkeit verändern. Entscheidend ist somit nicht die Wirklichkeit,
sondern deren Interpretation, weil die Interpretation zu Massnahmen
führt, welche die Wirklichkeit erzeugt.
David Bohm, ein
berühmter Quantenphysiker, ist überzeugt, dass es unser Denken ist, das die Welt zerteilt und das, was ursprünglich ganz war, zerstückelt und fragmentiert. Ich könnte ihm nicht mehr zustimmen. (Trackback)
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Geschrieben von: Nanuk, am 07-09-2011 18:16 Darum ist es wichtig in Analogien und Ähnlichkeiten zu denken nicht Taxonomisch.Wenn man Hypothesen aufstellt. Ich würde David Bohm sofort zustimmen...  Geschrieben von: Edwin Glaser, am 08-09-2011 09:28 Hmmm... nach dieser Einleitung müssten Sie das Beispiel umgekehrt aufbauen. Der Gorilla existiert gar nicht. Die Bären an der Börse reden ihnen ein, hinter den Spielern sei ein Gorilla versteckt. Sie sind überzeugt, sie hätten den Gorilla gesehen, obwohl er nur in Ihrem Kopf existiert. (Einfach alle Guthaben und Schulden ausbuchen... augenblicklich sind alle diese eingebildeten Gorillas verschwunden.) Geschrieben von: HRR, am 08-09-2011 11:08 @Edwin Glaser Ich sehe das noch radikaler. Wenn man Guthaben und Schulden ausbucht, sind nicht nur die Gorillas sondern auch die Spieler verschwunden. Die Interpretation der Märkte führt zum Handeln an den Märkten, wodurch der Markt erst entsteht. Ohne Interpretation gibt es somit gar keinen Markt. Was für die Börse gilt, gilt natürlich auch für die Welt an sich. Deshalb habe ich auch das Zitat von Bohm noch hinzugefügt. Artikel kommentieren
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Erhalten von: Kleine Presseschau vom 7. September 2011 | Die Börsenblogger , am 07-09-2011 10:33 (PB) [...] zeitenwende.ch: Wie Gorillas die Börsen beeinflussen [...] |