Im Kassensturz, einer Sendung des Schweizer Fernsehens, wurde vor zu vielen Regeln im Strassenverkehr gewarnt. Der Grund: Verkehrschilder führen zu mehr Unfällen, weil sie die Verkehrsteilnehmer zu stark ablenken von dem was gerade auf der Strasse passiert. Ein Ratschlag, den sich auch die Kapitalmärkte zu Herzen nehmen sollten. Auch hier haben die Teilnehmer die Sicht fürs Wesentliche verloren, doch die Empfehlungen bleiben die gleichen. Wir brauchen zusätzliche Regeln.
Der Schilderwald wuchert im ganzen Land und beschäftigt auch die Wissenschaft. Mit Hilfe eines Fahrsimulators erforscht Professor Lutz Jäncke an der Universität Zürich was beim Autofahren im Gehirn passiert. Mit dem Simulator lassen sich viele reale Situationen nachstellen. Der Neuropsychologe warnt vor zu vielen Schildern: «Je mehr Verkehrsschilder pro Zeiteinheit auftauchen, desto mehr wird von ihrer Wahrnehmungskapazität auf diese Schilder gezogen. Demzufolge bleibt für den Rest, das heisst für den Strassenverkehr oder für Kinder, die über die Strasse laufen, weniger übrig.»
Obwohl die Zeitungen seit dem Jahr 2005 regelmässig über Erhitzungserscheinungen am amerikanischen Immobilienmarkt berichtet hatten, kamen die wenigsten Anleger auf die Idee, einen Zusammenhang zu ihren Investitionen herzustellen. Sie vertrauten blind auf die Strassenpolizei in Form von Ratingagenturen, Aufsichtsbehörden, Zentralbanken und Aktienanalysten, dass sie rechtzeitig die Warnschilder auf die Börsenstrasse stellen würden. Doch die Schilder kamen nicht und der Boom machte BUM.
Problematisch ist nicht nur die Anzahl der Schilder. Viele Schilder schaffen keine Klarheit, sie verwirren. Für den Professor ist klar: Schilder mit Zusatzangaben wie Zeiten und Ausnahmen sind sinnlos. Ab einem bestimmten Punkt könne dieses Zuviel an Information gar nicht mehr verarbeitet werden. «Dann werden Kurzschlussreaktionen ausgelöst, so dass wir nicht mehr richtig hinschauen – als hätten wir überhaupt kein Verkehrsschild gesehen, sagt Jäncke.
Das erinnert mich an den Emissionsprospekt eines strukturierten Produkts - soviele Hinweise, soviele Fussnoten, soviele Warnungen.
Aber auch der Vergleich zu den Gründen, weshalb die Märkte nun steigen oder fallen werden, erinnert an einen Schilderwald. Jeder Experte hat seine eigenen Charts, Parameter oder Gummibärchen-Orakel auf die er vertraut. Nur scheinen die Investoren selten das prognostizierte Ziel zu erreichen.
Mehr Sicherheit ganz ohne Schilder ist das Ziel eines EU-Projekts. Mehrere Städte, so wie das norddeutsche Bohmte, montierten gleich alle Schilder ab. Auch Zebrastreifen und Lichtsignale sind weg. Die Verkehrsteilnehmer reagieren verunsichert: «Sie sind überrascht, wissen nicht genau, was auf sie zukommt. Durch die gezielte Verunsicherung wird jeder vorsichtiger und langsamer», sagt Gemeinderätin Sabine de Buhr-Deichsel.
Die Resultate in mehreren EU-Städten zeigen: die Unfallzahlen sinken. Man muss ja nicht gleich alle Tafeln und Signale abschrauben, aber für TCS-Experte Plüss ist klar, die Hälfte der Tafeln muss weg: «Dann kann eine Durchschnittsperson die Signale überhaupt wieder erfassen.»
Ich bin mir sicher, dass auch an den Kapitalmärkten weniger viel mehr sein würde. Inzwischen verstehen selbst die Experten nicht mehr, wie das Spiel läuft. Bei Begriffen wie Tier-1 Ratio oder Level 3-Assets sind vermutlich 99 Prozent aller Anlageberater überfordert. Das ist erstaunlich, denn was sich dahinter versteckt, hätte beinahe zum Systemkollaps geführt. Eingeführt und zugelassen wurden sie von Kontrollorganen und Ueberwachungsbehörden.
Aber offenbar war dies noch nicht genug, die Kontrollen sollen sogar noch ausgebaut werden. Den Blick fürs Wesentliche werden diese Massnahmen sicher nicht schärfen. Wetten dass...?
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Geschrieben von: egghat , am 27-08-2008 11:38 Ausnahmsweise bin ich anderer Meinung. Weil die Kapitalanlage a) ein extrem komplexes Problem ist, das die meisten nicht verstehen (im Gegensatz zum Straßenverkehr, wo es nur darum geht, niemanden über den Haufen zu fahren) und b) ein Gebiet ist, auf dem menschlich-soziales Verhalten kontraproduktiv ist. An einem Partner nach 50% Einkommensverlust festzuhalten ist gut, an einer Aktie festzuhalten (meistens) nicht. Der gesunde Menschenverstand führt am Kapitalmarkt oft in die Irre. Geschrieben von: HRR, am 27-08-2008 12:20 Wie definiert man "der gesunde Menschenverstand"? Mein Verstand - ob der gesund ist, sollen andere beurteilen - sagte mir, dass Immobilien nicht ewig steigen können und wenn der Anstieg vorbei ist auch der Konsum einbrechen muss. Das ist auch eingetroffen ohne dass ich auf Experten, Ratingagenturen oder andere Hinweisschilder geachtet habe. Funktioniert doch  Geschrieben von: osoto, am 27-08-2008 13:17 @egghat: billig kaufen und teuer verkaufen scheint mir kein besonders komplexes problem zu sein. Geschrieben von: Verbluefft, am 27-08-2008 14:00 Was heisst: "Inzwischen verstehen selbst die Experten nicht mehr, wie das Spiel läuft. Bei Begriffen wie Tier-1 Ratio oder Level 3-Assets sind vermutlich 99 Prozent aller Anlageberater überfordert." ? Als ob Anlage"berater" (-verkäufer!) Investmentexperten wären! Ansonsten, genau was ich mir auch schon seit einer Weile denke ... Geschrieben von: Zykliker, am 28-08-2008 09:08 Sorry, welche Regeln sind denn nun in der Analogie mit den Verkehrszeichen gemeint? Zu viele Fußnoten, „zuviel Disclaimer“ im Emissionsprospekt, weil man im US-Rechtssystem horrende Entschädigungen einklagen kann, wenn man nur „dumm genug ist, seine Katze im Microwellenherd trocknen zu wollen?“ Die „Verkehrsschilder“ der Ratingagenturen haben in betrügerischer Absicht ein Durchfahren der Kurve mit mindestens 100 Sachen empfohlen, obwohl man mit offenen Augen hätte sehen können, dass das Auto bei den Schlaglöchern nur im Schritttempo unbeschädigt bleibt. Wenn die Notenbank in ihrer kriminellen Kumpanei mit der „Wallstreet-Mafia“ auch noch den extra-geilen Sprit dazu liefert, wird dann der Volltrottel im Weißen Haus ein “Tempo-20-Schild“ aufstellen? Noch ein Bild: ein „Blinder“ will mit dem Auto von Zürich nach Genf fahren; er gibt das Ziel in sein Navi ein, dieses lotst ihn, weil der Navi-Betreiber mit der Ölindustrie gemeinsame Sache macht, in betrügerischer Absicht nach Wladiwostok. Alle sind zufrieden, nur der Betrogene wundert sich im nächsten Monat ein wenig über die Spritkosten in seiner Kreditkarten-Abrechnung; außerdem verflucht er seinen Französisch-Lehrer, dass der ihm so wenig beigebracht hat. Welches Verkehrsschild hätte ihm geholfen? Antwort: keines. Erstens ist er ja ohnehin blind, zweitens sind die Straßenbetriebe letztes Jahr privatisiert worden; erste Maßnahme war, alle Verkehrsschilder, auch die Wegweiser – aus Kostengründen, vor allem aber, damit der „Freie Bürger Freie Fahrt hat“ - zu demontieren; schließlich hat der Navi-Betreiber dafür eine fette Provision springen lassen. Ja, es gibt zu viele Schilder auf den Straßen. Ja, vieles ist wirklich überreguliert. Der so behütete Bürger wird verwöhnt und verliert dadurch die Fähigkeit, selber zu denken, aber halt auch nur der, der zwar kein Hirn, aber vielleicht eine Hirnanhangdrüse hatte. Was ist mit dem, der seit vielen Jahrhunderten nur „jawoll“ und „zu Befehl“ sagen kann; ist es einer „Hochkultur“ würdig, den einfachen Menschen auszurauben, nur weil man den entsprechenden Paragraphen „dereguliert“ hat? Die Freiheit bringt fraglos höhere wirtschaftliche Effektivität, das aber auf Kosten der Menschenwürde; das sagt zumindest mir die angelsächsische Realität. Artikel kommentieren
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