Als ich auf den Eingang des Lebensmittelmarktes zusteuerte, kam mir
eine Kundin entgegen und drückte mir ihren Einkaufswagen in den
Hand. Als ich nach einer Münze kramen wollte, winkte sie nur ab
und lief davon. Ich war völlig verdutzt. Sie hatte sich dem
Paradigma des homo oeconomicus widersetzt, das unsere Welt prägt.
Gewinnstreben war offensichtlich nicht ihre Absicht und entgegen aller
wissenschaftlichen Theorien, die uns glauben machen wollen, dass das
zum Ueberleben nun mal dazu gehört, machte sie nicht einmal einen
verwirrten Eindruck - im Gegenteil. Sie schien in einer
aufgeräumten Stimmung zu sein, vielleicht deshalb, weil sie noch
nie etwas von den unabänderlichen Dingen gehört hatte, die
scheinbar unser Zusammenleben prägen.
Dieses Ereignis ist nun schon ein paar Jahre her, vergessen habe ich es
trotzdem nicht. Obwohl es nur um einen Franken ging, war ihr Verhalten
im wahrsten Sinne des Wortes ungewöhnlich, manche mögen sogar
denken dumm. Niemand verzichtet ohne jeglichen Eigennutz auf Geld. Doch
wer weiss. Vielleicht lag in ihrem Verhalten ein Geheimnis, das ich
erst noch entschlüsseln musste. Gedacht - getan. Bei der
nächsten Gelegenheit drückte auch ich meinen Einkaufswagen
einer mir völlig unbekannten Kundin in die Hand. Sie nestelte
überrascht nach ihrer Geldbörse, doch ich winkte ab und lief
davon, begleitet von ihrem ungläubigem Gesichtsausdruck.
Ich fühlte mich wie ein Pfadfinder: Jeden Tag eine gute Tat.
Seither mache ich das immer wieder einmal, denn das Schenken der
Münze macht gute Laune und ist erst noch viel günstiger als
andere Stimmungsaufheller wie Schokolade, Alkohol oder Psychopharmaka.
Nicht
nur eine Münze, sondern seine Firma hat Karl Rabeder verschenkt. Der
ehemalige Millionär lebt heute in einer kleinen Alphütte und ist
glücklich. Weshalb weniger mehr sein kann, erklärt er am besten gleich
selbst.
Ich dachte: Wenn eine gewisse Summe Geld toll ist, muss
zehnmal so viel Geld zehnmal so viele Möglichkeiten eröffnen. Doch das
ist ein Irrtum, weil die Freiheit irgendwann zur Unfreiheit wird. Es
sammelt sich materieller Besitz an, und gleichzeitig entsteht ein
System, das einen nicht mehr loslässt. Wenn der Fokus nur noch auf
wirtschaftlichem Erfolg liegt, fehlt das, was Menschsein für mich
ausmacht.
Glauben Sie, dass Geld und Glück einander ausschließen?
Ich
glaube, dass der Umkehrschluss richtig ist: Wenn man glücklich ist,
braucht man kein oder kaum Geld. Es gibt eine Übung, die ich auch in
meinen Seminaren gerne anwende: Schreiben Sie die zehn für Sie
wichtigsten Werte auf, und schreiben Sie die Summe in Euro dazu, die
Sie dafür benötigen. So kommt man darauf, dass die wichtigsten Dinge im
Leben gar keine Dinge sind und dass man sie auch nicht kaufen kann. Ich
erlaube mir jetzt, meine Werteliste von oben nach unten zu leben.
(Quelle)
Nun ist nicht jeder ein Millionär und nicht jeder Millionär so mutig wie Karl Rabeder. Aber schon meine oben beschriebene Erfahrung mit dem Einkaufswagen verändert die Perspektive, wenn nicht die eigene - so bestimmt jene, die in den Genuss des kleinen Geschenks kommen. Probieren Sie es einfach mal aus.
Interview mit Karl Rabeder auf Bayern 3 (40 Min)
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Geschrieben von: iris bücker , am 18-11-2011 16:20 tja - als hartz4-empfängerin kann ich mir das glück, die münze im wagen zu verschenken, leider nicht leisten ... und muss die "werte" zwangsläufig leben. aber es ist immerhin ein durchaus gutes gefühl, dass man nix hat, was einem noch weggenommen werden kann - ausser der menschlichen würde. lg iris bücker http://iris-buecker.de Geschrieben von: Gunnar , am 11-01-2012 10:48 Mich verwundert das man so eine Situation über Jahre behält. Hab ich auch schon mal gemacht, wenn mir die Person sympatisch war. Und ab und an steck ich auch einem Obdachlosen mal einen 5er zu. Ungewöhnlich? Kann sein, aber ich fühle mich gut so. Artikel kommentieren
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