Zeitenwende.ch        WIRTSCHAFT - geschüttelt statt gerührt
Vom Millionär zum Tellerwäscher PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 17. November 2011
Als ich auf den Eingang des Lebensmittelmarktes zusteuerte, kam mir eine Kundin entgegen und drückte mir ihren Einkaufswagen in den Hand. Als ich nach einer Münze kramen wollte, winkte sie nur ab und lief davon. Ich war völlig verdutzt. Sie hatte sich dem Paradigma des homo oeconomicus widersetzt, das unsere Welt prägt.

Gewinnstreben war offensichtlich nicht ihre Absicht und entgegen aller wissenschaftlichen Theorien, die uns glauben machen wollen, dass das zum Ueberleben nun mal dazu gehört, machte sie nicht einmal einen verwirrten Eindruck - im Gegenteil. Sie schien in einer aufgeräumten Stimmung zu sein, vielleicht deshalb, weil sie noch nie etwas von den unabänderlichen Dingen gehört hatte, die scheinbar unser Zusammenleben prägen.

Dieses Ereignis ist nun schon ein paar Jahre her, vergessen habe ich es trotzdem nicht. Obwohl es nur um einen Franken ging, war ihr Verhalten im wahrsten Sinne des Wortes ungewöhnlich, manche mögen sogar denken dumm. Niemand verzichtet ohne jeglichen Eigennutz auf Geld. Doch wer weiss. Vielleicht lag in ihrem Verhalten ein Geheimnis, das ich erst noch entschlüsseln musste. Gedacht - getan. Bei der nächsten Gelegenheit drückte auch ich meinen Einkaufswagen einer mir völlig unbekannten Kundin in die Hand. Sie nestelte überrascht nach ihrer Geldbörse, doch ich winkte ab und lief davon, begleitet von ihrem ungläubigem Gesichtsausdruck.

Ich fühlte mich wie ein Pfadfinder: Jeden Tag eine gute Tat. Seither mache ich das immer wieder einmal, denn das Schenken der Münze macht gute Laune und ist erst noch viel günstiger als andere Stimmungsaufheller wie Schokolade, Alkohol oder Psychopharmaka.

Nicht nur eine Münze, sondern seine Firma hat Karl Rabeder verschenkt. Der ehemalige Millionär lebt heute in einer kleinen Alphütte und ist glücklich. Weshalb weniger mehr sein kann, erklärt er am besten gleich selbst.

Ich dachte: Wenn eine gewisse Summe Geld toll ist, muss zehnmal so viel Geld zehnmal so viele Möglichkeiten eröffnen. Doch das ist ein Irrtum, weil die Freiheit irgendwann zur Unfreiheit wird. Es sammelt sich materieller Besitz an, und gleichzeitig entsteht ein System, das einen nicht mehr loslässt. Wenn der Fokus nur noch auf wirtschaftlichem Erfolg liegt, fehlt das, was Menschsein für mich ausmacht.

Glauben Sie, dass Geld und Glück einander ausschließen?

Ich glaube, dass der Umkehrschluss richtig ist: Wenn man glücklich ist, braucht man kein oder kaum Geld. Es gibt eine Übung, die ich auch in meinen Seminaren gerne anwende: Schreiben Sie die zehn für Sie wichtigsten Werte auf, und schreiben Sie die Summe in Euro dazu, die Sie dafür benötigen. So kommt man darauf, dass die wichtigsten Dinge im Leben gar keine Dinge sind und dass man sie auch nicht kaufen kann. Ich erlaube mir jetzt, meine Werteliste von oben nach unten zu leben. (Quelle)

Nun ist nicht jeder ein Millionär und nicht jeder Millionär so mutig wie Karl Rabeder. Aber schon meine oben beschriebene Erfahrung mit dem Einkaufswagen verändert die Perspektive, wenn nicht die eigene - so bestimmt jene, die in den Genuss des kleinen Geschenks kommen. Probieren Sie es einfach mal aus.

Interview mit Karl Rabeder auf Bayern 3 (40 Min)

Tag it:
Delicious
Furl it!
Spurl
NewsVine
Reddit
YahooMyWeb
Technorati
Mister.Wong

Kommentar-Feld ein/ausblendenArtikel kommentieren | Zu Favoriten hinzufügen (0) | Artikel zitieren | Aufgerufen: 3375

RSS Kommentare Kommentare (2)

Geschrieben von: iris bücker website, am 18-11-2011 16:20
tja - als hartz4-empfängerin kann ich mir das glück, die münze im wagen zu verschenken, leider nicht leisten ... und muss die "werte" zwangsläufig leben. aber es ist immerhin ein durchaus gutes gefühl, dass man nix hat, was einem noch weggenommen werden kann - ausser der menschlichen würde.
lg iris bücker
http://iris-buecker.de

Geschrieben von: Gunnar website, am 11-01-2012 10:48
Mich verwundert das man so eine Situation über Jahre behält.
Hab ich auch schon mal gemacht, wenn mir die Person sympatisch war.
Und ab und an steck ich auch einem Obdachlosen mal einen 5er zu.
Ungewöhnlich?
Kann sein, aber ich fühle mich gut so.


Kommentar-Feld ein/ausblendenArtikel kommentieren

AkoComment © Copyright 2004 by Arthur Konze

 
< zurück   weiter >

Blog-Verzeichnisse

Schweizer Blog Verzeichnis TopBlogs.de slug.ch Blogs, die hierher linken list.blogug.ch bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis Blogverzeichnis Bloggeramt.de investinformer.de - TOP100 Investment Sites Blogparade