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Sind Aktienhändler Psychopathen? PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 27. September 2011
Aktienhändler benehmen sich rücksichtsloser als Psychopathen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Uni St. Gallen. Das Verhalten des UBS-Händlers, der vor wochenfrist zwei Milliarden Dollar in den Sand gesetzt hat, scheint diesen Befund zu bestätigen. Doch was sagt uns das?

Untersucht wurden Kooperationsbereitschaft und Egoismus von 28 Profi-Tradern. Die Probanden mussten Computersimulationen durchspielen und sich Intelligenztests unterziehen. Das Ergebnis übertraf die Erwartungen des Teams um Pascal Scherrer und Thomas Noll, Forensiker und Vollzugsleiter des Schweizer Gefängnisses Pöschwies nördlich von Zürich. Statt sachlich und nüchtern auf den höchsten Profit hinzuarbeiten, "ging es den Händlern vor allem darum, mehr zu bekommen als ihr Gegenspieler. Und sie brachten viel Energie auf, diesen zu schädigen". (Quelle: Aktienhändler riskieren mehr als Psychopathen)

An dieser Stelle hätte man natürlich etwas mehr Informationen erwartet. Was heisst "...sie brachten viel Energie auf, diesen zu schädigen"? Waren sie bereit für einen kleinen Gewinn ihre Grossmutter zu verkaufen oder wie Hannibal Lecter, der bekannteste Psychopath der Filmgeschichte, brutal zu morden? Wohl kaum. Gerade der Mangel an Information lässt darauf schliessen, dass es den Verfassern darum ging, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erringen, was selbst auch schon wieder einem Krankheitsbild entspricht: ADS.

Was also ist ein Psychopath? Gemäss Wikipedia gilt Psychopathie als eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht.

Unter diesen Umständen ist jedes materielle Gewinnstreben psychopathisch, da es immer den Verlust eines anderen voraussetzt.

Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei sind sie mitunter sehr manipulativ, um ihre Ziele zu erreichen.

Eigenschaften, die schon manchem Manager oder Politiker zu einer Karriere verholfen haben.

Oft mangelt es Psychopathen an langfristigen Zielen, sie sind impulsiv und verantwortungslos.

Ein Verhalten, das durch die Bonuskultur beabsichtigt und gefordert wird.

Psychopathie geht häufig mit antisozialen Verhaltensweisen einher, so dass begleitend oft die Diagnose der dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.

Eine Diagnose, die man fast jedem Menschen stellen kann. Die Frage ist nicht ob, sondern wie stark die Störung ist.

Aktienhändler aufgrund der gemachten Tests in die Psycho-Ecke zu stellen, greift viel zu kurz. Die gesamte Wirtschaft ist auf Profit ausgerichtet. Wie diese erzielt werden, interessiert kaum jemanden, so lange bestehende Gesetze eingehalten werden.

Wir müssten uns also der Frage stellen, ob Gewinnstreben wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. Wenn ja, dann darf man sich nicht über Egoismus beklagen, wenn nein, dann reicht es nicht, sich über Aktienhändler zu empören.

Update: Studienleiter Thomas Noll im Interview (Danke Tim für den Hinweis)

Darin wird die reisserische Aufmachung wie oben vermutet relativiert:

Insgesamt muss man aber betonen - das möchte ich wirklich unterstreichen -, waren die Trader weniger psychopathisch als die Allgemeinbevölkerung sogar, also nicht nur weniger psychopathisch als die Psychopathen, sondern sogar noch weniger als die Allgemeinbevölkerung. Es gab aber wie gesagt Subskalen, wo sie sogar psychopathischer waren als die Psychopathen selber, das war bei der Subskala Egoismus und bei der Subskala, wo gemessen wird, wie groß die Tendenz ist, Fragen unaufrichtig zu beantworten. In diesen beiden Skalen waren sie also sehr psychopathisch, schlimmer als die Psychopathen, und erhöhte Werte hatten sie auch in der Subskala Risikobereitschaft, was nicht erstaunt.

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RSS Kommentare Kommentare (3)

Geschrieben von: Tim, am 27-09-2011 08:56
Hier findet sich etwas mehr Kontext:

Sind Psychopathen die besseren Aktienhändler? - Vollzugsleiter von Schweizer Gefängnis zur | Interview | Deutschlandradio Kultur
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1563504/

Davon ab erzwingt das Umfeld, dass solche Leute sich dort konzentrieren würde ich annehmen.
Die Leute selbst sind nicht das Problem. Das Arbeitsumfeld, das System und die Ursachen für das Verhalten wohl eher.

Nur "jeder" will eben seine Rendite - ob sie nun realistisch ist oder nicht.

Geschrieben von: kosh, am 14-10-2011 12:24
- … Trader weniger psychopathisch als die Allgemeinbevölkerung …

Woraus sich durchaus ableiten liesse, dass die Allgemeinbevölkerung als psychopathisch einzustufen ist, was wiederum den Sinn der Übung ad absurdum führt.

- … Subskalen, wo sie sogar psychopathischer waren als die Psychopathen …

Subskalen plakativ betrachtet - Irak, Afghanistan, Libyen - andererseits, zerren den Sinn wieder ins Licht der Realität, scheint doch die Empathie der nicht betroffenen Allgemeinbevölkerung dieses Planeten sich bestenfalls in einem unguten Gefühl aufzulösen, wozu Verdrängungsmechanismen sich bestens eignen. M.a.W. das institutionalisierte sich selbst und andere Belügen schliesst den Kreis zu den Tradern und vermag ihn ethisch-moralisch betrachtet locker zu übertreffen, insbesondere da die Allgemeinbevölkerung die Masse massgeblicher definiert als wenige Trader.

Der Trader kann sodann auf jenen Teil einer psychopathischen Allgemeinbevölkerung reduziert werden, der sich als Psyhopath an Psychopathen gütlich tut. Ihm daraus einen Strick zu drehen scheint mir nur eine Frage des sozialen Grenzwerts, dessen relativer Charakter sichtbar wird durch "Finger auf den anderen zeigen", während die eigene "Schuld" am System Homo sapiens euphemistisch aus dem Vollen schöpft.

Grüsse
kosh

PS: Interessant, Dein Entschluss wieder bei den Gelben mit zu tun.

Geschrieben von: HRR, am 14-10-2011 15:04
@kosh

Das Posting "Ausgang aus dem Debitismus" gehört ins Gelbe. Ob es zugleich auch ein Abschluss war, wird sich zeigen.


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