Ich habe ein Faible für skurrile Geschichten, weil einem da viel eher
die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht geklatscht wird. Beispiel
gefällig? Bitte schön! Es geht um Rendite, Versicherungspolicen und
Rentner, die nicht sterben wollen.
Alles begann im Jahr 2005, als ein Fonds der Deutschen Bank US-Bürgern
deren Lebensversicherungen abkaufte. Die Versicherten brachten sich
damit um ihren Schutz, bekamen dafür aber Cash. Der Fonds musste in der
Folge die Prämien weiterzahlen, profitierte aber im Todesfall von der
Auszahlungssumme. Ein scheinbar krisensicheres Geschäft, denn
gestorben wird immer.
Doch die Ernüchterung kam bald. Viele
Anbieter - die Deutsche Bank ist in diesem Geschäftszweig nicht alleine
- konnten die in Aussicht gestellten Renditen nicht erwirtschaften. Zum
einen lebten viele Versicherte schlicht länger als gedacht. Zum anderen
wurde der Aufkauf der Policen wegen der hohen Nachfrage immer teurer.
Hinzu kam eine gesetzliche Änderung, nach der amerikanische
Lebensversicherungsfonds in Deutschland erstmals steuerpflichtig wurden.
Im
letzten Brief der Deutschen Bank an die Investoren hiess es deshalb:
"Zum 31. Oktober 2009 kann erneut keine Ausschüttung erfolgen, und für
die nächsten Quartale wird dies ebenfalls nicht erwartet".
Tatsächlich
konnten bis heute keine Ausschüttungen getätigt werden, entgegen den -
selbstverständlich unverbindlichen - Versprechungen beim Verkauf des
Produktes. Um die Wut der Anleger ein wenig zu beschwichtigen, hat die
DB nun ein Angebot gemacht. Für 80 Prozent der ursprünglichen Summe
können die Kunden sofort aus dem Fonds aussteigen, in dem die Gelder
eigentlich bis 2015 fest geparkt sind.
Doch nicht alle Anleger
wollen sich damit abspeisen lassen, denn die Begründung der DB, dass
die Versicherungsnehmer schlicht nicht so gestorben sind wie
kalkuliert, sei falsch. Die bislang ausgezahlten Versicherungssummen
wurden für fortlaufende Prämienzahlungen verwendet, aber auch für die
Fondskonzeption wie auch für die Eigenkapitalvermittlung. Nur die
Investoren gingen leer aus.
Tja, liebe Anleger, möchte ich hier
einwenden, das ist immer so. Gewinne fallen immer erst nach Deckung der
Kosten an. Die DB war kein Investor, sondern ein Vermittler, der an
dieser Vermittlung sein Geld verdient. Wer sich dessen nicht bewusst
ist, sollte generell um strukturierte Produkte einen Bogen machen.
Viele
Anleger sind empört und klagen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE über
Falschberatung. Immer wieder heißt es: Von Risiko sei beim Kauf der
Anlage kaum die Rede gewesen. "Das wurde mir in zehn Minuten
angedreht", sagt ein Rentner.
Da wurde er von seiner eigenen
Gier verführt. In zehn Minuten setzt man keine Unterschrift unter einen
Vertrag, denn man nicht durchgelesen hat. (Der Prospekt zum Fonds soll
über 100 Seiten betragen.)
Ein Sprecher der Deutschen Bank weist
den Vorwurf vehement zurück. Die Berater hätten die Kunden "über die
Struktur des Produktes mit seinen Chancen und Risiken informiert. Das
Beratungsgespräch erfolgt im Wesentlichen auf der Grundlage des
Prospekts, in dem alle relevanten Informationen deutlich erkennbar
erläutert und dokumentiert sind."
Auch das ist natürlich Käse.
Die Berater sind gar nicht fähig bei den täglich neu auf den Markt
geworfenen Produkten die Details zu kennen. Das schafft kaum einer und
schon sicher nicht die Mehrheit der Berater. Da kann jeder gerne mal
den Praxistest machen. Deshalb hat sich auch die Deutsche Bank im
Prospekt abgesichert, dort steht auf Seite 12:
Die tatsächlichen
Erträge des Fonds könnten von den Prognosen "abweichen" und zu einem
"erheblichen oder vollständigen Verlust des angelegten Kapitals führen".
Juristisch
haben die Banker ihr Geschäft im Griff, keine Frage und ethisch
enthalte ich mich der Stimme, wer jetzt die reinere Weste hat.
Derjenige, der das Geschäft vermittelt oder derjenige, der mit dem
frühzeitigen Tod anderer Menschen eine Rendite erzielen will. So ganz
geheuer sind mir beide nicht.
Nur nüchtern betrachtet, hat die DB ihrem Kerngeschäft gefrönt und Käufer und Verkäufer von Versicherungspolicen zusammen gebracht, dafür Gebühren kassiert und das ganze in fröhlichen Farben angemalt. Das ist weder neu, noch besonders aufregend. Nur dass die Rentner nicht rechtzeitig sterben wollen, gibt dieser Geschichte ein pikantes Gschmäckle.
Die ganz Story gibt es ausführlich bei SPON Deutscher Bank droht ein Anlegeraufstand
UPDATE: Jetzt auch bei der FTD Auf Irrfahrt mit der Deutschen Bank (Dieser Bericht lässt die DB noch schlechter dastehen. Das pikante Gschmäckle stinkt gewaltig)
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Geschrieben von: physiker, am 20-11-2009 16:14 Das hat Spaß gemacht zu lesen, gut dass Sie wieder was schreiben!  Geschrieben von: amethyst, am 20-11-2009 20:06 Schweinegrippe hat total versagt. Mist. Aber, wenn der Winter kalt genug, der Dollar schwach genug und das Öl teuer genug wird besteht Hoffnung für die Herzchen, die solchen Trödel kauften. Auf den Tod war schon immer Verlaß, das können nicht mal Ärzte ändern. Alles nur eine Frage der Zeit.  Geschrieben von: Robert Michel , am 20-11-2009 23:26 Also ich finde es es nicht unmoralisch in solche Fond zu investieren. Würde man es unmoralisch halten mit dem Tod Geld zu verdienen, wäre auch der Beruf des Bestatters unmoralisch. Außerdem haben die Ex-Lebensversicherungsnehmer auch etwas von den Fonds. Geschrieben von: Kasper David, am 21-11-2009 18:28 Lieber Hans-Ruedi, Sie schreiben eingangs: "Ich habe ein Flair für skurrile Geschichten" Wenn "Flair" in der Schweiz für das in diesem Zusammenhang hierzulande übliche "Faible" steht, dann nehme ich das erstaunt zur Kenntnis und freue mich, etwas neues gelernt zu haben. Ansonsten - Der Tod ist die sicherste Sache der Welt, warum sollte mensch nicht in sie investieren? Moralische Entrüstung entlarvt hier nur allzu schnell den biederen oder gutmenschenhaften Heuchler, der es halt nicht besser weiß... Haarig wird es nur, wenn die Superschlauen anfangen mit Statisken zu arbeiten, welche zeitliche Eintrittswahrscheinlichkeiten des Todes von Versicherungsnehmern berechnen wollen. So leicht lässt sich unser aller Erlöser des Leidens nun doch nicht in die Karten schauen. Na ja, Schwamm drüber, shit happens.. Gruß, KD Geschrieben von: HRR, am 22-11-2009 00:09 @KD Moralische Entrüstung - wo denn? Ich nehme nur belustigt zur Kenntnis, dass die Anleger entrüstet sind. Logisch wurde die Statistik geschönt, sonst wären die Renditeversprechungen doch nicht so rosig gewesen. Nur beweisen kann man das natürlich nicht, so schlau werden die Produzenten wohl gewesen sein. Dass es hier um den Tod geht, der je früher er eintritt, desto rentabler ist, gibt der Story einfach den nötigen Dreh, denn im Grunde genommen ist die Story gar keine. Flair - Faible ist korrigiert. Danke Artikel kommentieren
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Erhalten von: Rentner, die nicht sterben wollen • Börsennotizbuch , am 20-11-2009 17:53 (PB) [...] Das Wort “sanieren” ist allerdings etwas irreführend. Es handelt sich nicht um Verluste für die Bank (wie wir es allzu oft in dieser Krise erleben mussten), sondern um ein Verlustgeschäft für die Anleger, die das Kleingedruckte nicht aufmerksam gelesen und sonst auch etwas Pech hatten (gut dargestellt auch bei Zeitenwende.ch). [...] |