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Freitag, 19. September 2008
Nach den Briten haben nun auch die Amerikaner die Leerverkäufe in Finanzaktien verboten und die Finanzaktien lassen sich nicht zweimal bitten: Sie schiessen in den Börsenhimmel. Bereits gestern hatte ich geschrieben, dass ich ein komisches Gefühl habe, dass die Behörden tief in die Trickkiste greifen würden und sie haben es tatsächlich getan. Die Erklärungen dafür sind zwar hanebüchen, aber was solls, hauptsächlich es geht nach oben. Etwas anderes ist in einem mit gigantischem Fremdkapitaleinsatz unterspülten System einfach nicht drin.

Zur Veranschaulichung nehme ich den Presseartikel der amerikanischen Börsenpolizei SEC ins Visier, welche das Verbot für Leerverkäufe ausgesprochen hat.

SEC-Chef Christopher Cox sagt: Die Kommission ist gewillt, jede Waffe in ihrem Arsenal zu nutzen, um Marktmanipulation zu bekämpfen, welche Investoren und Kapitalmärkte bedroht.

Keine andere Kommission hat so oft versagt wie die SEC, wenn es darum ging, Marktmanipulationen zu verhindern. Es ist die pure Heuchelei, wenn sie jetzt von Investorenschutz als einem ihrer höchsten Ziele spricht.

Die Notmassnahme des temporären Verbots von Leerverkäufen von Finanzaktien wird das Gleichgewicht der Märkte wieder herstellen.

Bullshit! Die Finanzinstitute haben sich mit gigantischem Fremdkapitaleinsatz und lausiger Kreditprüfung verspekuliert. Verbote mögen kurzfristig den Abwärtsgang ins Gegenteil verkehren und das mag durchaus auch im "allgemeinen" Interesse sein. Das vielgepriesene Gleichgewicht ist aber - und das weiss die SEC gang genau - auf einem viel tieferen Niveau, als sich das die Finanzinstitute wegen ihrer hohen Kredite überhaupt leisten können.

Diese Massnahme, welche in einem gut funktionierenden Markt nicht nötig wäre, ist nur temporär und Teil eines Pakets verständlicher Schritte, welche zusammen mit dem Finanzministerium, der FED und dem Kongress vereinbart wurden.

Der Markt hat erkannt, dass in den Finanzinstituten ausser viel Luft nur wenig Verwertbares vorhanden ist. Die Illusion ist geplatzt, die Illusion immer währendem Reichtums durch Finanzinnovationen.

Zur Verdeutlichung: Ich beanstande nicht die getroffenen Massnahmen - die mögen kurzfristig richtig sein, um den Kollaps zu verhindern - ich beanstande die Lügengeschichten, die uns nun von den Behörden untergejubelt werden.

Aber seis drum - das gehört zu einer Zeitenwende. Also zurücklehnen und geniessen. Wir erleben historische Momente.

SEC Halts Short Selling of Financial Stocks to Protect Investors and Markets


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RSS Kommentare Kommentare (9)

Geschrieben von: Quadrillion, am 19-09-2008 10:30
Endlich! Die Weltrevolution ist da!
Ministerium für Wahrheit
Stalin Alley 1
Washington D.C.
Zur sofortigen Verbreitung!

Genossen!

Soeben hat der grosse Volkskongress der Union der Sozialistischen Staaten Amerikas UdSSA die erfolgreiche Fortführung des Goldenen Zeitalters und die sofortige Beendigung der durch asoziale Volksschädliche verursachten Kreditkrise, die es in Wirklichkeit nicht gibt, beschlossen. In Zusammenarbeit mit Gross Sowiet Britannien erlässt unser geliebter Führer George W. Breschnjewskush zur Wahrung unserer historischen Mission für die Weltgesundung folgende Befehle zur sofortigen Umsetzungen durch die Kader:

Jede Form von Aktienverkäufen volkseigener Banken der Wallstreet wird verboten, denn die Banken sind gesund und sicher!

Jede Form von Aktienverkäufen volkseigener Banken der Londoner City wird verboten, denn die Banken sind gesund und sicher!

Unsere gesunden und sicheren Banken sind so sicher, dass wir ihnen zu unser aller Wohl viele Milliarden geben werden, die sie sicher verwalten!

Volksschädlinge, die bisher verkauft haben, werden zum Wohle der Volksgesundheit von den Freunden des Volkes ihrer geerechten Strafe zugeführt!

Genosse Charles Berja Schumer wird mit der Schaffung einer Behörde für Verstaatlichung, Kollektivierung und unbegrenzten Wohlstand beauftragt!

Die freie, demokratische Marktwirtschaft des Volkes hat nach der Verkündung der Beschlüsse durch die freie Presse der UdSSA einen Kurssprung von mindestens 4% Punkten innerhalb einer Stunde zu produzieren, und schädliche andersdenkende Blogger zu ignorieren sowie ihre Tätigkeit dem Ministerium für Wahrheit zu melden!

Alles ist in Ordnung! Es gibt keine Krise! Demokratie Schtonk! Liberty Schtonk! Free Sprecken Schtonk! Die Wallstreet hat immer recht!
donalphons, 22:37h

http://rebellmarkt.blogger.de/stories/1223306/

Geschrieben von: egghat website, am 19-09-2008 11:09
Popcorn bitte!

Geschrieben von: kosh, am 19-09-2008 11:14
Die freie Planwirtschaft

Die Konstitution, resp. das Regenerationspotential oder die Stabilität eines Ökosystems zeigt sich eben gerade nicht "in einem gut funktionierenden Markt", sondern erweist sich erst dann, wenn ein Hurrikan über das Ökosystem Marktwirtschaft hinweg gefegt ist. Wenn in stürmischen Zeiten das Ökosystem Markt sich nicht selbst regenerieren darf, wenn also Freiheitsgrade dem System entzogen werden indem z.B. planwirtschaftliche Massnahmen die Selbstregeneration verunmöglichen, dann stellt sich mit jeder freiheitsfremden Massnahme ein zusätzliches planwirtschaftliches Element der freien Marktentwicklung in den Weg und verunmöglicht die Evolution des freien Marktes hin zu einem sich selbst austarierenden Ökosystem. Ein Bsp., dessen sich die Sponner selbst nicht bewusst sein dürften :-)

aus http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,579132,00.html
Die RTC wurde als staatliches Institut von begrenzter Dauer eingerichtet. Ihre Aufgabe lag darin, von Sparkassen "faule" Kredite zu übernehmen, die von den Gläubigern nicht zuverlässig bedient wurden. Laut Gesetz sollte die RTC "die Aufrechterhaltung, Sanierung und Reform der Finanzinstitutionen" bewerkstelligen.
... Die RTC wurde vom US-Finanzministerium finanziert, um günstige Kreditkonditionen zu gewährleisten.
... Geleitet wurde die RTC von einem fünfköpfigen Direktorium, zu dem der Chef der US-Zentralbank Fed gehörte und an dessen Spitze der Finanzminister stand. In Schwierigkeiten geratene Sparkassen konnten in der RTC ihre notleidenden Kredite unterbringen und sich mit neuer Liquidität versorgen. Das verhinderte nicht, dass zahlreiche Geldinstitute dennoch in Konkurs gingen.
In den sieben Jahren ihrer Existenz übernahm die RTC die Aufsicht über 747 Geldinstitute und verwaltete Guthaben im Gesamtumfang von 394 Milliarden Dollar. Am Ende bilanzierte die RTC Verluste von 75 Milliarden Dollar zu Lasten der Staatskasse. Zwischenzeitlich war es jedoch gelungen, zahlreiche ursprünglich als "faul" eingestufte Kredite so lange zu halten, dass sie sich wieder als rentabel erwiesen.
Eine Neuauflage einer solchen Lösung würde nach Ansicht ihrer Befürworter die Bilanzen der Banken von Lasten befreien und ihnen einen normalen Geschäftsbetrieb ermöglichen.

Das ist Realsatire life, die Planwirtschaft wird bereits seit geraumer Zeit als normaler Geschäftsbetrieb angesehen. Selbst in den Massenmedien scheut man sich nicht, auf solche Ungleichgewichte hinzuweisen, ohne dabei jedoch zu versäumen, dass die jeweiligen Massnahmen absolut notwendig wie natürlich gesund waren und sind, weshalb mir vor Jahren der Begriff Kapitalapparatschiks spontan aus der Tastatur entglitt. Offener und ehrlicher könnte man die Massen nur verkohlen, wenn man jeweils dazu schreiben würde, so, und nun verkohlen wir euch und ihr werdet es sowieso zulassen, wir wissen das aus langjähriger Erfahrung.
Nun ja, von der Einzelmassnahme zur Massen-Massnahme. Sämtliche Massnahmen in Summe wirken der freien Marktwirtschaft in ihrer Gesamtheit entgegen und stellen ein wachsendes marktfremdes Segment der freien Marktwirtschaft dar, weswegen mit der ihnen gebührenden Belustigung konstatiert werden darf, die USA haben den Beweis höchstselbst längst erbracht, dass die freie Marktwirtschaft entweder nicht exisitiert, evt. sogar noch nie existiert hat, oder dass die Sowjetunion lediglich die Kehrseite der freien Marktwirtschaft darstellte, indem sie als freier Marktteilnehmer so frei war, den Markt per Plan zu dekretieren. So frei eben wie die USA oder die Mafia, dem Markt ihre Pläne zu dekretieren.

Wer jedoch versucht, die real existierende Marktwirtschaft tatsächlich als frei zu begreifen, muss ergo zwangsläufig daran scheitern.

Die Amis auf Kurs
kosh

Geschrieben von: HRR, am 19-09-2008 13:05
Ich ziehe die Gradlinigkeit der Russen der Propaganda aus dem Westen vor. Inhaltlich sind so oder so beide aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Uebrigens das war Spitze...

Offener und ehrlicher könnte man die Massen nur verkohlen, wenn man jeweils dazu schreiben würde, so, und nun verkohlen wir euch und ihr werdet es sowieso zulassen, wir wissen das aus langjähriger Erfahrung.

Vielleicht tritt jetzt dann beim Einen oder Anderen etwas Morgendämmerung ins Oberstübchen.

Geschrieben von: Zykliker, am 19-09-2008 13:23
@kosh

ich finde die Analogie /den Hinweis auf den Begriff \"Ökosystem\" sehr interessant, weil sie uns unser Dilemma bei der Suche nach der \"besten Wirtschaftsform\" sehr schön aufzeigt.

Welches \"Ökosystem\" ist die menschliche Gesellschaft? Ein Dschungel, in dem auf vielen Quadratkilometern eine kleine Horde Indianer mit dem Blasrohr unterwegs ist? Für mehr ist einfach kein Platz! Hier gelten die Gesetze des Überlebens, friß oder stirb; hallo Darwin, du hast ja im Prinzip Recht, nur der Starke hat ein Recht auf Leben, das Minderwertige...(irgendwie kommt mir das aus der jüngeren deutschen Geschichte bekannt vor).

Wenn der Mensch den Anspruch erhebt, ein Kulturwesen zu sein, dann kultiviert er die Natur, er kultiviert das soziale Miteinander, und er grenzt ebenso die absolute Freiheit im Wirtschaften ein, weil auch hier sonst der mörderische Kampf des Starken gegen den Schwachen eskaliert. Nun hat der kluge Adam Smith gesagt, lasst die Leute doch endlich von der Leine, er meinte die Feudalherren seiner Zeit (!), und lasst sie frei wirtschaften, es wird zum Segen für alle.

Natürlich hatte er Recht, er konnte doch nicht wissen, daß 100 Jahre später ein gewisser Darwin auf die Idee kommen könnte, den Menschen als räuberischen Affen zu identifizieren. Etwa zur gleichen Zeit wollte ein anderer Religionsstifter Smith´s Erkenntnisse komplett einkassieren, von den Ergebnissen dieses Experiments hat sich die östliche Hälfte der Welt noch nicht erholt.

Was also nun? Die Freie Marktwirtschaft als Idee ist wie das Ökosystem Dschungel nur für Wilde, Wilderer und Fallensteller zuträglich; das Kulturwesen Mensch muß diese Freiheit (bitte, bitte aber möglichst schonend) so domestizieren, daß wenig Machtmißbrauch möglich ist, dem einzelnen aber ein möglichst großen Freiraum im Sinne von Adam Smith ermöglicht wird.

Daß dieses Ideal gerade von der Oberschicht aus Eigennutz mit Füßen getreten wird, disqualifiziert diese \"dekadenten Adeligen\" komplett; ihr Gefasel wird zu Recht als das erkannt, was es ist, interessengesteuerte Lügen.

Geschrieben von: HRR, am 19-09-2008 13:54
@Zykliker

ihr Gefasel wird zu Recht als das erkannt, was es ist

Dein Wunsch in Gottes Ohr, Hank & Ben werden gerade als die Retter gefeiert. Dass sie das retten, was sie selbst zugelassen, gefördert und gelobt hatten, davon liest man morgens höchstens noch im Feuilleton.

Geschrieben von: kosh, am 19-09-2008 17:37
@HRR

Bezüglich der Russen bin ich vor allem um ihren Widerstand gegen den Anspruch der USA auf ein globales Hegemonie-Monopol froh (vgl. Putins Münchener Rede, deren inhaltliche Natur einer offen angekündigten Zeitenwende gleichkommt).

@Zykliker

Frei von der Leber fabuliert ist für mich die real existierende Marktwirtschaft keine Analogie, sondern tatsächlich ein Ökosystem mit der dominanten Spezies Homo sapiens. Da gibt's ja nebenbei auch Kühe, Schweine, Hühner, Weizen, Mais, Kartoffeln, Schädlinge etc. etc., nicht zu vergessen div. differenzierende Funktionen, die der Mensch selbst wahrnimmt, wie zum Bsp. Bauern, Lastwagenfahrer, Strassenwischer, Coiffeusen, Politiker, Leerverkäufer, Hedgefondisten. In einem anderen Forum hat jemand süffisant darauf hingewiesen, dass z.B. Bauern ihre Ernten ebenfalls nicht mehr leer verkaufen dürften. Dass es trotzdem praktiziert wird beruht darauf, dass dadurch Stabilität ins Ökosystem Marktwirtschaft gehievt wird. Aber die ist offensichtlich nicht erwünscht in unserem Finanzsystem :-)

Die produktivsten Ökosysteme sind übrigens jene mit hohen Artenzahlen. Jede Art besetzt eine ökologische Nische, übt eine Funktion, resp. einen Beruf aus. Ein anderer Begriff, den ich versuche zu begreifen ist jener der sozialen Evolution, worin ich wiederum Begriffe wie Kultur unterbringen würde. Kultur ist womöglich als Regelwerk zu begreifen, welches über die darwinistische Evolution hinausgeht, d.h. damit Kultur funktioniert, müssen sich Kulturbefürworter freiwillig einem Regelwerk unterwerfen, das es so in der Natur bisher nicht gegeben hat. Z.B. die freie Marktwirtschaft unter den Einschränkungen kultureller Bedingungen zu akzeptieren, innerhalb derer Angebot und Nachfrage in einer gesitteten Art gespielt werden dürfen, d.h. Produzenten bieten an, Konsumenten wählen aus. Insofern ist freie Marktwirtschaft durchaus denkbar. Aaaaber, z.B. wenn Produzenten beginnen, Produkte der Konkurrenten dem Konsumenten vorzuenthalten noch bevor dieser seinen Teil zur Entscheidung beitragen kann, wie es z.B. durch die Marktmacht des Gates'schen Imperiums fortgesetzt geschieht, ist das Angebot-Nachfragespiel gestört und die Freiheit des Marktes wird eingeschränkt. M.a.W. MSFT schert sich um unsere Kultur und führt die freie Marktwirtschaft dem Darwinismus zu.

Ähnliche Verwerfungen sehen wir heute in besonderem Masse auf Regierungsstufe. Statt die Kultur als Voraussetzung für freie Marktwirtschaft zu gewähren, wird sie korrumpiert und missbraucht für darwinistische Zwecke (Huntington und sein Clash of Civilisations), was weitere Interessenten auf den Spielplan ruft, welche ihrerseits Verwerfungen schüren. Insgesamt erkenne ich grosse Diskrepanzen zwischen jener theoretischen Kultur, die in Sonntagsreden gepredigt wird und jener real existierenden praktischen, ebenso zwischen der freien Marktwirtschaft als theoretisches Konstrukt und der real existierenden praktischen Marktwirtschaft. Die theoretische freie Marktwirtschaft könnte evt. mit Adam Smith einigermassen erklärt werden (habe den nie gelesen, man möge mich bitte dahingehend korrigieren), für die real existierende reicht Darwin allemal. Nicht von ungefähr hat jemand den Begriff Sozialdarwinismus angeschoben.

Fazit: Freie Marktwirtschaft im Sinn von Angebot und Nachfrage? Dazu bräuchte es eine fortschrittlichere Species der Gattung Homo mit einem Kulturwillen höherer Ordnung. Das rezente Modell aus der Baureihe Sapiens ist lediglich in der Lage, das "frei" so zu begreifen, dass jeder, der im darwinschen Sinn fit genug das Recht hat frei zu sein, abseits von kulturbedingten Regeln zu wirtschaften. Begriffe wie Freie Marktwirtschaft, Freiheit oder Demokratie werden dankend an Sonntagsredner und andere Propagandisten weitergereicht.

Die Amis auf Kurs
kosh

Geschrieben von: Zykliker, am 20-09-2008 11:13
@kosh

interessante Diskussion; weitgehende Zustimmung, kleine Anmerkung:

„Dazu bräuchte es eine fortschrittlichere Species der Gattung Homo mit einem Kulturwillen höherer Ordnung.“

Das ist natürlich richtig, aber ich sehe den Weg dahin eben als Teil der Evolution. Deshalb würde ich auch gar nicht trennen zwischen „Darwin“ und „Kultur“; beide sind ein und dasselbe. Unsere „Kultur-Experimente“ sind nichts anderes als die Fortsetzung der Evolution des guten alten Darwin im nichtphysischen Bereich. Dass da unendlich viel Versuch und Irrtum passiert, ist selbstverständlich, dass auch die Rückschläge enorm sein können (z.B. Faschismus) bei dem Versuch, das barbarische Tier Mensch zu zähmen, zeigt die Geschichte.

Deshalb auch meine ständigen mantrahaften Hinweise auf die Rolle des Phänomens Macht als ein von der Kultur/Evolution nach und nach zu überwindendes (nein, das ist zu utopisch, besser: zu zähmendes) feudales Relikt; denn die Macht an sich ist ja wertfrei betrachtet nichts Böses, sondern kann ein durchaus nützliches Organisationsmittel sein, solange die Menschenwürde (schon wieder ein „Errungenschaftswort“ der sozialen Evolution) sein.

Geschrieben von: kosh, am 21-09-2008 15:18
@Zykliker

Ja danke für diese Diskussion. Mich treiben die besprochenen Begriffe seit Jahren an und lassen mir keine Ruhe

- "... sehe den Weg dahin eben als Teil der Evolution."

Gleichfalls einverstanden, aber Gleichsetzung von Kultur und Darwin? Ein Bsp: Mittels Kultur kann man von heute auf morgen beschliessen, Leerverkäufe (als Teil einer Kultur) zu verbieten, wenn die betroffene Kultur dies zulässt. Das kann Darwin nicht. Ich würde darum nicht soweit gehen Darwin mit Kultur gleichzusetzen, sondern Kultur als eine Einflussgrösse auf die darwin'sche Evolution bezeichnen, wie z.B. Sonnenstrahlung. Im Unterschied zur Sonnenstrahlung hat der Mensch jedoch die Möglichkeit, mit den ihm dank Evolution zur Verfügung stehenden Mitteln die Kultur und damit sich selbst und seine Evolution zu beinflussen, zu gestalten. Während also die Sonnenstrahlung eine unabhängige Variable für die Evolution des Menschen ist, ist die Kultur eine abhängige. Kultur und Evolution des Menschen beeinflussen sich gegenseitig, wir haben es mit Rückkopplungseffekten zu tun.

Macht oder die Motivation zu deren Ausübung würde ich schätzen, hängt zu sehr an unseren Genen als dass der Homo sapiens dazu in der Lage wäre, sie zu überwinden. Des Weiteren bedeutet Kultur nicht automatisch, welche Werte damit besetzt werden. Z.B. könnte die soziale Evolution auch dazu führen, dass statt weniger mehr Machtausübung in unsere Kultur einfliesst. Die Evolution kennt weder Gut noch Böse, Saddam Hussein lässt sich nicht als Fehlentwicklung erklären, ebensogut hätte er in einer anderen Umgebung unter dem Namen Stalin Erfolg haben können. Es gibt also lediglich evolutionär stabile Überlebensstrategien ob sie uns passen oder nicht, welche von Zeit zu Zeit durch Ereignisse gesiebt werden, wobei der Einfluss des Zufalls nicht zu unterschätzen ist -> ein aktueller Beitrag z.B. hier http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28715/1.html

Jedes höhere Lebewesen kommt mehr oder weniger als Hardware zur Welt, unterstützt durch praktische Software, ein Betriebssystem sozusagen, um sich der Umgebung individuell anzupassen. Weitere Programme oder die Besetzung von leeren Betriebssystemvariablen durch Erfahrungswerte kommen erst später dazu. Ein gute Löwenmutter hat z.B. entscheidenden Einfluss auf den Überlebenserfolg ihrer Jungen bei der Weitergabe ihrer Jagdkultur, ebenso die Jungen durch ihre Motivation, Jagdkultur zu lernen. Kultur ist Information ausserhalb Darwin, sie wird von Generation zu Generation weitergereicht, sie stellt ein Regelwerk dar und kann nur gelernt werden.

Man könnte vielleicht sagen, erfolgreiche soziale Evolution beschreibt evolutionär stabile Kulturen als Programme, die auf einem gemäss Darwin entwickelten Betriebssystem mit entsprechender Hardware aufgesetzt werden. Sicher lässt sich die Entwicklung der kulturellen Programme als Evolution darstellen, aber nur in äusserst beschränktem Umfang auf die Gene abbilden und weitervererben. Deshalb halte ich eine Trennung von Kultur und Darwin für angebracht.

Grüsse
kosh


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