Miss Universe und der Chefsvolkswirt der Allianz leben in völlig
verschiedenen Welten und dennoch haben sie eines gemeinsam. Sie leiden
unter der Wahrnehmungsstörung mit dem etwas sperrigen Namen "kognitive
Dissonanz". Erstmals diagnostiziert wurde diese Krankheit vor 50
Jahren. Aber jetzt mal alles der Reihe nach.
Unter der Theorie der kognitiven Dissonanz versteht man den Versuch,
Informationen konsequent auszublenden, welche das eigene Weltbild auf
den Kopf stellen. Erstmals untersucht wurde diese Wahrnehmungsstörung
in den 1950er Jahren. Damals gab Marian Keech an, Nachrichten vom
Planeten Clarion zu empfangen. Ihre zahlreichen Anhänger glaubten, dass
eine gewaltige Flut alle Menschen auf der Erde töten und nur ihre
Jünger von fliegenden Untertassen gerettet würden.
Als die
prophezeite Flut ausblieb, sah sich die Gruppe der Lächerlichkeit
preisgegeben. Statt das Versagen des Kults zu akzeptieren und sich von
ihrer Führerin abzuwenden, sahen sich die Anhänger in ihrem Glauben nur
um so mehr bestärkt. Sie behaupteten, ihre Gebete hätten Gott
umgestimmt, und versuchten mit einem Mal fieberhaft, andere Leute zu
ihren Ansichten zu bekehren.
Leon Festinger entwickelte auf
Basis dieses Geschehens die Theorie der kognitiven Dissonanz, von der
kein Mensch komplett ausgeschlossen ist. Wer hat nicht schon einmal die
Kulissen ein wenig verschoben, damit die eigene Ueberzeugung nicht
hinterfragt werden musste...
Eine etwas gröbere Form von
Wahrnehmungsstörung liegt bei der aktuellen Miss Universe vor. Auf
Einladung einer Organisation, die US-Soldaten im Felde unterstützt,
besuchtete sie das Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba. Danach schrieb
sie in ihren Blog, Guantanamo sei ein erholsamer und schöner Ort mit
einem tollen Strand. Sie habe die Zellen gesehen, wo die Häftlinge
duschten und sich mit Filmen, Kunstlektionen und Büchern die Zeit
vertrieben. Es sei sehr interessant gewesen.
Die
Menschenrechtsanwältin Cori Rider, die gleichzeitig vor Ort war, war
perplex über diese Aussage. Sie kam gerade von einem Häftling, der am
Boden angekettet war, als sie auf dem Rückweg Miss Universe mit einem
US-Marineinfanteristen posieren sah. "Es ist unglaublich, wie man das
menschliche Elend übersehen kann, welches sich vor der eigenen Nase
abspielt."
Bei solchen Personen bin ich mir nie ganz sicher, ob
ich sie bemitleiden oder beneiden soll. Eigentlich ist es eine
wunderbare Qualität, wenn man sich die gute Laune durch nichts
verderben lässt, sofern daraus nicht Handlungen entstehen, die später
grossen Schaden anrichten.
Partout nicht schwarz malen will
auch der Chefsvolkswirt der Allianz Michael Heise. In einem Interview
sagte er, strukturelle Gründe für eine dauerhafte globale
Nachfrageschwäche gibt es nicht. Daher wird der Welthandel nicht lange
schrumpfen.
Wer es schafft, explodierene Staatsschulden,
insolvente Banken und überschuldete Konsumenten einfach auszublenden,
dem kann ich nur noch ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe
entgegenhalten: Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft,
dass er an die Stelle, wo das unaufgelöste Problem liegt, gern ein
Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann.
Abgesehen
davon kann er mögliche Folgen der Wahrnehmungsstörung im Notfall auch
auf den Steuerzahler abwälzen. Da lässt sich mit dieser Krankheit ganz
gut leben. (Trackback)
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Geschrieben von: m106, am 03-04-2009 12:39 Für mich ist das selektive Wahrnehmung: http://de.uncyclopedia.org/wiki/Selektive_Wahrnehmung  Geschrieben von: Andreas, am 05-04-2009 09:50 Schön dass ihr wieder 'on air' seid. Grüsse Andreas Artikel kommentieren
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Erhalten von: Blick Log » Presseschau: Die Blicke in die Wirtschaft am 3. April 2009 , am 03-04-2009 00:04 (PB) [...] Zeitenwende: Kognitive Dissonanz [...] |