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Kahlschlag im Blätterwald PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 3. Dezember 2008
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Kahlschlag im Blätterwald
Seite 2
Die Medien berichten nicht nur über die Kreditkrise, sie gehören auch zu ihren Opfern. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass eine Zeitung über einen Stellenabbau im eigenen Haus berichten muss. Ein erstaunliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass der Wunsch nach Information gerade in einer Zeit grosser Umbrüche grösser sein müsste denn je. Was ist falsch gelaufen?

Nicht nur die Banken waren blind gegenüber dem Eisberg, der sich kilometerhoch vor der Weltwirtschaft auftürmte, auch die Medien haben die Entwicklung komplett verschlafen. Ein besonders hübsches Beispiel hatte ich Ihnen schon mal anvertraut. Am 8. August schrieb der Chefredaktor der Financial Times folgendes:

"Amerika wird irgendwann auch eine Rezession bekommen. Je nach Ölpreis und anderen Schocks vielleicht früher. Oder später. Klar. Nur wird das relativ wenig mit der Krise zu tun haben, die vor einem Jahr begonnen hat. Könnte sein, dass man in zehn Jahren zurückblickt und sagt: Das war wohl eine recht robuste wirtschaftliche Lage. Nur mit vielen Absturzprophezeiungen."

In gerade mal 3 Monaten ist nun einiges passiert, worauf die Journalisten schon damals hätten hinweisen müssen, doch da war nicht viel oder wie es Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg formuliert:

 
Der Journalismus, speziell der Wirtschaftsjournalismus, ist als Frühwarnsystem weitestgehend ausgefallen.
 

Kein Wunder also, stehen den Printmedien Abokündigungen en masse ins Haus. Sie haben ihren Auftrag verschlafen. Nochmals Weischenberg:

"Mich überrascht, wie eine ganze Reihe von Journalisten, die mir bisher als Hardcore-Neoliberale aufgefallen sind, sehr schnell umgeschwenkt sind nachdem die Krise nicht länger zu leugnen war. Plötzlich rufen diese Leute nach einem starken Staat und diskutieren marxistische Ideen. Diese Journalisten verhalten sich nach dem Motto, was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Das ist unter Gesichtspunkten der Glaubwürdigkeit für den Wirtschaftsjournalismus ein Desaster.
"

Und Glaubwürdigkeit ist ein wichtiges Gut. Das müssen nicht nur die Finanzinstitute leidvoll erfahren. Auch die Medien sehen sich mit einer schmerzvollen Abmagerungskur konfrontiert.

Noch nicht geklärt ist hingegen die Frage, ob die Journalisten wirklich blind waren oder ob sie nur die Anzeigenkunden nicht verprellen wollten. Eine Antwort darauf kenne ich nicht, aber ich weiss, wie sich die Situation in den Banken abgespielt hat. Die Banker waren mitnichten so ahnungslos, wie sie uns heute dargestellt werden. Bereits bei Diskussionen vor mehr als fünf Jahren, als ich selbst noch auf dem Börsenparkett wandelte, waren Sprüche wie "nach mir die Sintflut", "man muss die Kuh melken, so lange sie Milch gibt" oder "mein Horizont reicht nur bis zur nächsten Bonuszahlung" an der Tagesordnung.

Selbstverständlich wusste niemand, wie lange der Krug zum Brunnen gehen konnte, bis er bricht, dass er aber brechen würde, war manchem Banker schon lange klar gewesen. Nicht klar war es hingegen so manchem Konzernleitungsmitglied, aber das war systemimmanent, denn skeptische Geister wussten nur allzu gut, dass solche Stimmen das Businessmodell störten und für die eigene Karriere nicht förderlich waren.



 
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