Anonyme Wohnhäuser, vereinzelte Industriebetriebe, die sich rein
zufällig hier zusammengefunden haben und ein paar Blumenbeete in der
Mitte der Durchgangsstrasse, die versuchen, dieser lieblosen Umgebung
einen Hauch Nestwärme zu vermitteln – dies ist Oberwil bei Niederpipp,
eines dieser unscheinbaren Dörfer zwischen Grossstadt und Pampa. Keiner
Menschenseele käme es in den Sinn, diesem Ort freiwillig einen Besuch
abzustatten, wäre heute nicht Aktionstag beim Elektronik-Fachmarkt.
Hupend und fluchend kämpfen sich die Autofahrer im Zeitlupentempo
Richtung Glückseligkeit vorwärts – es ist Schnäppchenzeit! Auch Norbert
Fuchs hat sich ins Getümmel gestürzt. Zeit spielt für ihn heute keine
Rolle, was hätte er auch sonst mit diesem regnerischen Samstag anfangen
sollen und trotzdem klammert er sich nervös am Steuerrad seines
Off-Roaders fest als zähle jede Sekunde. Er will vorwärts kommen und
zwar subito, um sich seine Beute zu ergattern! Nein, diese
Ultrakompakt-Kameras mit 10 Megapixel sind nicht limitiert und genau
genommen hat er auch schon zwei ältere Modelle zu Hause, aber dieser
hat ein paar zusätzliche Features – voll krass und spottbillig – die
muss er einfach haben, er ist doch nicht blöd!
Norbert Fuchs hat
sich inzwischen knappe fünfzig Meter in der stinkenden Autoschlange
vorgekämpft und der Alfa-Fahrer, der die ganze Zeit an seiner
Stossstange klebt und den Motor heulen lässt, bringt seinen Blutdruck
immer mehr zum Steigen. Gerade als er dem Impuls nachgeben möchte, dem
Pseudo-Italiener einmal deftig seine Meinung unter die Nase zu reiben,
klingelt sein Handy 3984 new version: Egon, mit dem er sich jeden
Mittwoch abend in der Squashhalle ein Duell liefert, möchte seinen
Frust loswerden.
Seine Firma habe ihn auf die Strasse
gestellt, weil sie aus Kostengründen das Personal reduzieren müsse.
Alles werde heute über den Preis entschieden, so die Firmenleitung,
darum werde ein Teil der Produktion ins billige Ausland verlagert, weil
da die Löhne mit viel geringeren Sozialabgaben belastet seien und die
Leute länger arbeiten. Norbert heuchelt etwas Mitgefühl während er dem
Alfa-Fahrer im Rückspiegel den Vogel zeigt und stellt sich insgeheim
vor, wie schön es wäre, Arbeitslosengeld zu beziehen und den Tag völlig
relaxed auf dem Sofa zu verbringen. Um wieder etwas ruhiger zu werden,
schluckt er einer dieser von seinem Arzt verschriebenen
Entspannungs-Drageées.
Endlich hat Norbert das Innere des
Elektronik-Fachmarktes erreicht. Der Laden ist gerammelt voll.
Hilfesuchend schaut er sich nach dem Objekt seiner Begierde um, während
eine Mitt-Vierzigerin in lila Leggings und rosa Sweat-Shirt mit ihrer
gerade erstandenen Kaffeemaschine in seinen Rücken knallt. Leise vor
sich hin fluchend schweift sein Blick durch die Einkaufshalle in der
Hoffnung, irgendwo einen Verkäufer in diesen auffällig roten Sakkos zu
orten, aber da ist keiner und wenn, dann bildet sich bereits ein Kreis
von gehetzten Kunden um ihn.
Norbert ist zornig und machtlos
zugleich. Dankbar erblickt er in der Ecke eine kleine Kaffee-Bar –
einen doppelten Espresso und eine Lucky Strike, die milde Sorte – und
schon sieht die Welt wieder etwas freundlicher aus. Scheinbar gut
gerüstet und mental gestärkt macht er sich auf in den Kampf, aber wo
sind nur diese ….. Verkäufer?
Es sollte seine letzte Frage
sein. Staunend beobachten die umher stehenden Kunden wie ein
unrasierter Mann mit Hornbrille und modisch abgewetzten Jeans gegen
einen meterhoch aufgebauten CD-Turm taumelt. Hunderte von Scheiben von
Shaggy „Fly High“ zum Schnäppchenpreis scheppern quer durch die
Einkaufsgänge. In der Hand hält der inzwischen mit starren Augen am Boden liegende
Mann einen Flyer für Ultrakompakt-Kameras.
Die Seele Norberts
bekommt vom Finale furioso nichts mit und hat sich bereits in höhere
Gefilde verabschiedet. Dort erwartet sie ein Engelschor mit dem Lied
„Schni – Schna – Schnappi, Schnappi – Schnappi - Schnapp“. Auf ihren
Flügeln haben sie das Logo des Elektronikfachmarkts Oberwil bei
Niederpipp eintätowiert.
Norbert beginnt zu schreien bis ihn
sanft eine Hand am Oberarm berührt. Es ist die Hand seiner Frau. „Hast
du schlecht geträumt, Schatz?“ „Hmmm!“, murmelt Norbert. „Bleib aber
nicht zu lange liegen, in einer Stunde geht der Discounter auf, du
weisst schon, sie haben eine limitierte Anzahl von …“ Doch Norbert ist
bereits wieder eingeschlafen und träumt von Krokodilen in roten Sakkos,
die „I wanna fly, fly high, with you babe“ vor sich hin summen.
(P.S. Kopieren dieses Textes nur mit ausdrücklicher Erlaubnis von www.zeitenwende.ch. Danke!)
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Geschrieben von: Roger , am 25-11-2009 12:01 Weltklasse. Hat mir gerade den Tag versüsst. Geschrieben von: egghat , am 25-11-2009 12:26 Schöner Text! Kennst du die Videos vom Media Markt in Berlin? http://www.youtube.com/watch?v=PmCDwAC62Gc Die haben sich da wirklich geprügelt. Geschrieben von: HRR, am 25-11-2009 13:10 @egghat Das war die Vorlage für den Text. Man könnte den Text aber auch als Vorlage für die Finanzindustrie nehmen. Nur der Rahmen ändert, der Inhalt bleibt gleich. Darwinismus in Reinkultur. Geschrieben von: kosh, am 25-11-2009 16:58 Nix Darwin, Kreationismus in Reinkultur aus http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,663358,00.html Quote:
Es sind Bilder wie aus einem Katastrophenfilm: Eine unüberschaubare Masse von Menschen drängt sich gegen eine Polizeikette und einen Drahtzaun. Doch das sind keine Flüchtlinge oder Demonstranten, die sich da drängen, sondern Shopper: Die Leute wollen ein Handy. Die Situation eskalierte. Jakarta - ... Gott denkt / schenkt / lenkt, Masse pennt / rennt / flennt. Grüsse koshGeschrieben von: greg, am 25-11-2009 19:10 Wenn Ihnen das Schreiben dieser Artikel soviel Vergnügen macht wie mir das Lesen, beneide ich Sie darum.. Weiter so.. Als (Stamm)-leser sind mir ihre Artikel ein wirklicher Genuss Geschrieben von: HRR, am 25-11-2009 23:24 @greg Mit dem Vergnügen ist viel Schweiss verbunden. Geschrieben von: Fadir, am 03-04-2010 18:53 Einzelhandel nervt Artikel kommentieren
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