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Höhenflüge eines Schnäppchenjägers PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 25. November 2009
Anonyme Wohnhäuser, vereinzelte Industriebetriebe, die sich rein zufällig hier zusammengefunden haben und ein paar Blumenbeete in der Mitte der Durchgangsstrasse, die versuchen, dieser lieblosen Umgebung einen Hauch Nestwärme zu vermitteln – dies ist Oberwil bei Niederpipp, eines dieser unscheinbaren Dörfer zwischen Grossstadt und Pampa. Keiner Menschenseele käme es in den Sinn, diesem Ort freiwillig einen Besuch abzustatten, wäre heute nicht Aktionstag beim Elektronik-Fachmarkt.

Hupend und fluchend kämpfen sich die Autofahrer im Zeitlupentempo Richtung Glückseligkeit vorwärts – es ist Schnäppchenzeit! Auch Norbert Fuchs hat sich ins Getümmel gestürzt. Zeit spielt für ihn heute keine Rolle, was hätte er auch sonst mit diesem regnerischen Samstag anfangen sollen und trotzdem klammert er sich nervös am Steuerrad seines Off-Roaders fest als zähle jede Sekunde. Er will vorwärts kommen und zwar subito, um sich seine Beute zu ergattern! Nein, diese Ultrakompakt-Kameras mit 10 Megapixel sind nicht limitiert und genau genommen hat er auch schon zwei ältere Modelle zu Hause, aber dieser hat ein paar zusätzliche Features – voll krass und spottbillig – die muss er einfach haben, er ist doch nicht blöd!

Norbert Fuchs hat sich inzwischen knappe fünfzig Meter in der stinkenden Autoschlange vorgekämpft und der Alfa-Fahrer, der die ganze Zeit an seiner Stossstange klebt und den Motor heulen lässt, bringt seinen Blutdruck immer mehr zum Steigen. Gerade als er dem Impuls nachgeben möchte, dem Pseudo-Italiener einmal deftig seine Meinung unter die Nase zu reiben, klingelt sein Handy 3984 new version: Egon, mit dem er sich jeden Mittwoch abend in der Squashhalle ein Duell liefert, möchte seinen Frust loswerden.

Seine Firma habe ihn auf die Strasse gestellt, weil sie aus Kostengründen das Personal reduzieren müsse. Alles werde heute über den Preis entschieden, so die Firmenleitung, darum werde ein Teil der Produktion ins billige Ausland verlagert, weil da die Löhne mit viel geringeren Sozialabgaben belastet seien und die Leute länger arbeiten. Norbert heuchelt etwas Mitgefühl während er dem Alfa-Fahrer im Rückspiegel den Vogel zeigt und stellt sich insgeheim vor, wie schön es wäre, Arbeitslosengeld zu beziehen und den Tag völlig relaxed  auf dem Sofa zu verbringen. Um wieder etwas ruhiger zu werden, schluckt er einer dieser von seinem Arzt verschriebenen Entspannungs-Drageées.

Endlich hat Norbert das Innere des Elektronik-Fachmarktes erreicht. Der Laden ist gerammelt voll. Hilfesuchend schaut er sich nach dem Objekt seiner Begierde um, während eine Mitt-Vierzigerin in lila Leggings und rosa Sweat-Shirt mit ihrer gerade erstandenen Kaffeemaschine in seinen Rücken knallt. Leise vor sich hin fluchend schweift sein Blick durch die Einkaufshalle in der Hoffnung, irgendwo einen Verkäufer in diesen auffällig roten Sakkos zu orten, aber da ist keiner und wenn, dann bildet sich bereits ein Kreis von gehetzten Kunden um ihn.

Norbert ist zornig und machtlos zugleich. Dankbar erblickt er in der Ecke eine kleine Kaffee-Bar – einen doppelten Espresso und eine Lucky Strike, die milde Sorte – und schon sieht die Welt wieder etwas freundlicher aus. Scheinbar gut gerüstet und mental gestärkt macht er sich auf in den Kampf, aber wo sind nur diese ….. Verkäufer?

Es sollte seine letzte Frage sein. Staunend beobachten die umher stehenden Kunden wie ein unrasierter Mann mit Hornbrille und modisch abgewetzten Jeans gegen einen meterhoch aufgebauten CD-Turm taumelt. Hunderte von Scheiben von Shaggy „Fly High“ zum Schnäppchenpreis scheppern quer durch die Einkaufsgänge. In der Hand hält der inzwischen mit starren Augen am Boden liegende Mann einen Flyer für Ultrakompakt-Kameras.

Die Seele Norberts bekommt vom Finale furioso nichts mit und hat sich bereits in höhere Gefilde verabschiedet. Dort erwartet sie ein Engelschor mit dem Lied „Schni – Schna – Schnappi, Schnappi – Schnappi - Schnapp“. Auf ihren Flügeln haben sie das Logo des Elektronikfachmarkts Oberwil bei Niederpipp eintätowiert.

Norbert beginnt zu schreien bis ihn sanft eine Hand am Oberarm berührt. Es ist die Hand seiner Frau. „Hast du schlecht geträumt, Schatz?“ „Hmmm!“, murmelt Norbert. „Bleib aber nicht zu lange liegen, in einer Stunde geht der Discounter auf, du weisst schon, sie haben eine limitierte Anzahl von …“ Doch Norbert ist bereits wieder eingeschlafen und träumt von Krokodilen in roten Sakkos, die „I wanna fly, fly high, with you babe“ vor sich hin summen.

(P.S. Kopieren dieses Textes nur mit ausdrücklicher Erlaubnis von www.zeitenwende.ch. Danke!)

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RSS Kommentare Kommentare (7)

Geschrieben von: Roger website, am 25-11-2009 12:01
Weltklasse. Hat mir gerade den Tag versüsst.

Geschrieben von: egghat website, am 25-11-2009 12:26
Schöner Text!

Kennst du die Videos vom Media Markt in Berlin?

http://www.youtube.com/watch?v=PmCDwAC62Gc

Die haben sich da wirklich geprügelt.

Geschrieben von: HRR, am 25-11-2009 13:10
@egghat

Das war die Vorlage für den Text. Man könnte den Text aber auch als Vorlage für die Finanzindustrie nehmen. Nur der Rahmen ändert, der Inhalt bleibt gleich. Darwinismus in Reinkultur.

Geschrieben von: kosh, am 25-11-2009 16:58
Nix Darwin, Kreationismus in Reinkultur :grin :grin :grin :grin :grin

aus http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,663358,00.html
Quote:


Es sind Bilder wie aus einem Katastrophenfilm: Eine unüberschaubare Masse von Menschen drängt sich gegen eine Polizeikette und einen Drahtzaun. Doch das sind keine Flüchtlinge oder Demonstranten, die sich da drängen, sondern Shopper: Die Leute wollen ein Handy. Die Situation eskalierte.
Jakarta - ...



Gott denkt / schenkt / lenkt,
Masse pennt / rennt / flennt.

Grüsse
kosh

Geschrieben von: greg, am 25-11-2009 19:10
Wenn Ihnen das Schreiben dieser Artikel soviel Vergnügen macht wie mir das Lesen, beneide ich Sie darum..
Weiter so..
Als (Stamm)-leser sind mir ihre Artikel ein wirklicher Genuss

Geschrieben von: HRR, am 25-11-2009 23:24
@greg

Mit dem Vergnügen ist viel Schweiss verbunden.

Geschrieben von: Fadir, am 03-04-2010 18:53
Einzelhandel nervt


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