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Helvetische Palastrevolution PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 15. September 2009
Ein Jahr ist seit dem Lehman-Kollaps vergangen und alle glaubten, dass sich danach die Finanzwelt verändern wird. Geschehen ist bislang wenig. Den Sonntagsreden sind keine griffigen Massnahmen gefolgt. Ausser in der Schweiz. Hier wird das Schrumpfen der Grossbanken im Interesse der Allgemeinheit offen diskutiert. Zu diesem Zweck verbrüdern sich sogar die extremen Pole der Politik und nennen das Kind beim Namen. Und selbst ein UBS-Oekonom macht mit der Aussage "Wir brauchen mehr Regulierung" auf sich aufmerksam.

Es war ein ungewohntes Bild als der Uhrenkönig Nicolas Hayek umrahmt vom SVP-Urgestein Christoph Blocher und dem SP-Präsidenten Christian Levrat gemeinsam vor die Presse traten und eine Redimensionierung der Grossbanken verlangten. Jahrzehntelang galt in der Politik und bei einer Mehrheit im Volk "Was gut ist für die Banken, ist gut für die Schweiz." Das soll laut dem Trio Infernale jetzt anders werden. Doch die Kommentatoren kommentieren immer noch so, als hätte es die weltweit grössten Rettungsmassnahmen nie gegeben. Populismus hilft nicht weiter, kritisierte die Sonntagszeitung, die Schweiz braucht auch in Zukunft grosse Banken, meldete die NZZ und Wirtschaftsjournalist Beat Kappeler findet, dass das Gerede um einen Bankrott der Schweiz wegen ihrer Abhängigkeit von den Banken ziemlich gedankenlos gewesen sei.

Gedankenlos ist vielmehr, die Aussagen um die Risiken der Grossbanken für die Schweiz als billigen Populismus abzutun. Keiner der Experten hatte vor der Krise gewarnt und mangels Kenntnis des Bankgeschäfts und ihrer Bilanzen, riskanten Derivatpositionen und nachwievor hohem Fremdkapitaleinsatz sind sie auch nicht fähig, die richtigen Schlüsse zu ziehen. 

Das Problem von UBS und CS wie auch aller anderen internationalen Institute ist das zu geringe Aktienkapital. Sorry an alle treuen Leser, dass ich das immer wieder erwähne. Aber auch ein Jahr nach dem Debakel ist es bei vielen Experten und schon gar nicht bei der Oeffentlichkeit angekommen, auf welch dünnem Fundament die Geldhäuser agieren. Deshalb sind sie auch nicht fähig zu erkennen, dass der Lehman-Kollaps nicht die Ursache der Krise, sondern das Resultat von zu viel Leverage in der gesamten Finanzindustrie war. Selbst wenn Lehman damals gerettet worden wäre, hätte der grösste Teil der danach erfolgten Rettungsmassnahmen ausgeführt werden müssen.

Doch es gibt auch besonnene Stimmen wie der UBS-Oekonom Höfert. 

Ist es zum Beispiel normal, wenn der US-Häusermarkt fünf bis zehn Jahre lang eine jährliche Preissteigerung von 15 Prozent verzeichnet? Kann man dies nicht auch als Inflation bezeichnen?

Hier liegt der Hase im Pfeffer. Wir hatten über Jahre hingweg eine enorme Inflation durch die von den Zentralbanken initiierte und durch Geschäftsbanken vollzogene Geldschwemme. Nur weil die Inflation sich auf den Immobilien- und Finanzmärkten abspielte, wurde sie von den Oekonomen nicht als Inflation erkannt. Doch Preissteigerung bleibt Preissteigerung, egal ob wir sie als "gut" empfinden wie bei Immobilien oder als "schlecht" wie bei den Nahrungsmitteln.

Mittlerweile haben wir Ökonomen gelernt, dass wir mit unseren Annahmen vorsichtiger sein müssen. Vieles haben wir als Annahmen vorausgesetzt, von dem wir nachher sagten, es ist so. Obwohl das nur eine Annahme war für Modelle, die schön aussehen sollten.

Ich bin mir nicht so sicher, ob das wirklich für alle Oekonomen gilt, aber es ist zumindest ein schöner Gedanke...

Die ganze Risikoabschätzung muss neu überdacht werden. Man hat aber in den letzten Jahrzehnten vermutlich zu viel dereguliert, was sich jetzt als Fehlentwicklung herausstellt.

...während Josef Ackermann bereits seit Monaten vor zu viel Regulierung warnt. Was stimmt denn nun? Tatsächlich wurde vorallem bei den Eigenkapitalvorschriften aus einer einfachen Regel eine Kaskade von undurchsichtigen Vorschriften geschaffen. Wir haben somit zuviel wie zuwenig Regulierung. Genau in diesem Dickicht bewegen sich nun zahlreiche Spindoktoren und machen das Durcheinander komplett. Doch zumindest in der Schweiz geht es voran. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) fordert, dass das Aktienkapital 3 Prozent der Bilanzsumme einer Bank ausmacht, in guten Zeiten deutlich mehr. Die SNB geht noch weiter und will, dass sich die Eigenmittelquote in guten Zeiten auf 5 Prozent belaufen muss. Einfach und griffig, doch bislang ist sie mit dieser Massnahme allein auf weltweiter Flur.

Wir müssen uns zur Einsicht durchringen, dass die Selbstregulierung nicht geklappt hat und höhere Aufsichtsinstanzen vorhanden sein müssen.

Die Einsicht kommt spät, aber sie kommt. Allerdings ist der Glaube, dass höhere Aufsichtinstanzen das Problem erkannt hätten, vermessen. Die Abhängigkeiten zwischen Wall Steet und Washington sind noch enger als diejenigen zwischen Paradeplatz und Bern. Was wir brauchen sind Regeln, die jeder versteht, Bilanzen die alle Risiken enthalten, so dass der Aktionär sich selbst ein Bild machen kann.

Um die Schweiz ist mir nicht bange. Das Thema Regulierung wird hier offen diskutiert, und es gibt die einen oder anderen Bestrebungen. Andere Länder mit bedeutenden Finanzplätzen, wie die USA und Grossbritannien, sind noch längst nicht soweit. Ob es dort tatsächlich zu umfassenden Regulierungen kommt, würde ich aus heutiger Sicht mit einem grossen Fragezeichen versehen.

Das ist die bittere Erkenntnis ein Jahr nach Ausbruch der Krise.

Am Ende des Tages kann es also passieren, dass wir uns hierzulande sehr gut regulieren, dass wir uns dadurch aber im internationalen Wettbewerb nicht mehr behaupten können.

Das ist ein Problem für die CS und die UBS, aber nicht für die Schweiz. Falls sich die helvetischen Grossbanken - und nur um diese geht es in der Schweiz beim Thema des Leverage - gesund schrumpfen müssen, dann betrifft das die Vermögensverwaltung nicht. Betroffen davon wären die Investmentbank-Standorte in London und New York. Der Schweizer Finanzplatz als Vermögensverwalter würde dadurch sogar gestärkt.

Hoffentlich geht die Schweiz weiterhin in dieser Frage voran und wartet nicht auf das Ausland...

Nobelpreisträger Stiglitz glaubt nicht, dass die USA bei der Regulierung der Finanzmärkte eine Vorreiterrolle spielen werde: «Es ist empörend, dass wir in den USA so viel Geld ins Bankensystem gepumpt haben, die Regierung aber nur sehr zögerlich tut, was eigentlich zu tun wäre.» Laut Stiglitz verfügt die Regierung Obama nicht über Pläne, die eine Schrumpfung der Bankgiganten vorsehen oder eine Vereinfachung der Struktur.

...und auch Pläne, ein Höchstmass an Leverage einzuführen werden nur diskutiert, aber nicht getroffen. Die "to big to fail" - Banken sind in zahlreichen Ländern sogar noch grösser geworden wie in den USA, Grossbritannien oder Deutschland. Ein Trio Infernale würde auch diesen Ländern gut anstehen.

Quellen

Nobelpreisträger Stiglitz stärkt Trio Infernale den Rücken
«Ökonomen haben gelernt, mit Annahmen vorsichtiger zu sein»
 

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RSS Kommentare Kommentare (7)

Geschrieben von: Marc, am 15-09-2009 16:10
Schon vor mehr als einem Jahr habe ich einen HSG Professor gefragt, wie es denn mit der Inflation von Häusern stehe... er meinte, die Inflation habe man im Griff und sei kein Problem. Mittlerweile bin ich etwas schlauer. Denn in der "Lehre" wird partout unterschieden zwischen Inflation und Spekulation. Das ist etwa die gleiche "Bauernfängerei" wie "negative Inflation" und Inflation.
Die Aussagekraft der Begriffe werden verfälscht.
Es ist sicherlich schwierig Spekulation und Inflation zu unterscheiden, doch auch Vermögenspreise könne inflationieren. Nur so lässt sich der "legale" Rentenklau erklären.
Es wird also Zeit, die Lehre zu "belehren" und wieder aus der "Wirtschafts. und Politikkorrumption" zu entlassen. Bolognia eine Machtdemonstration sondergleichen und führt zu manipulativen "Le(e)r- anstalten um das Volk ruhig zu stellen und ganz "oben" weiter unverschämt abzusahnen. - Leider!

Geschrieben von: HRR, am 15-09-2009 16:25
@Marc

Die HSG hat vermutlich bis heute noch nichts von fractional reserve banking gehört. So darf man sich nicht wundern, wenn sie die Inflation bei den Immos nicht als das erkennen, was sie war.

Bei Blocher, Hayek und Levrat habe ich hingegen zumindest das Gefühl, dass sie das Problem intuitiv verstanden haben, auch wenn sie sich nicht im Detail auskennen.

Geschrieben von: kosh, am 15-09-2009 16:36
Mit Verlaub :-)

Quote:


Ein Jahr ist seit dem Lehman-Kollaps vergangen und alle glaubten, dass sich danach die Finanzwelt verändern wird.



Mit Verlaub, "alle MASSgeblichen glaubten", mit anderen Worten die MASSE, weil ihre Vorbeter, die Sonntagsredner etc. etc., aber darauf hast Du ja mit Deinen Worten schon aufmerksam gemacht. Würstchen und Nullnummer @kosh hat wie andere seiner Kaste ebenfalls ziemlich genau vor einem Jahr seine Prognose nach dem 1x1 der Wettervorhersage riskiert, darum zitiere ich mich nun völlig unbescheiden und schütte stinkendes Eigenlob über mein Haupt:

aus http://blog.zeitenwende.ch/hansruedi-ramsauer/red-bull-fuer- die-britischen-aktienmaerkte/
Quote:
... weiter wie bisher, verkohlen, verschaukeln, abkassieren. Das kann nur eins bedeuten, so unglaublich es klingt, es ist noch Suppe da.



Die Schweiz als kleines Zahnrädchen im Uhrwerk des Globalismus dürfte es schwer haben, ein Sonderzügli zu fahren. Noch dazu eines, dessen Fracht nicht zu unterschätzen ist. Während das Ausland heute das Bankgeheimnis anprangert, traue ich denen schon morgen zu, dass die Schweiz - im Falle eines Falles - den Bankenplatz ungebührlich, politisch unkorrekt oder anderweitig unmoralisch reguliert :-) Der Verkauf des Nationalbankgoldes wurde ja auch durchgedrückt, einige meinten denn auch unverblümt, auf Druck von aussen. Und heute sitzen wir alsbald im mit dem Retourbillett auf dem Weg zurück -> Zentralbanken als große Goldkäufer erwartet

Was als billiger Populismus diffamiert wird, ist aber dennoch einer Würdigung wert. Selbst wenn nur darüber diskutiert wird, ist es im Vergleich zu anderen Staaten eine Wohltat zu sehen, dass wir noch dürfen. Die Retourkutschen an unsere Adresse sind inzwischen mannigfaltig geworden, die SVP dürfte gemäss Europarat noch nicht einmal mehr mit Glacéhandschuhen behandelt werden -> Europarat kritisiert Schweizerische Volkspartei
Dürfen die überhaupt was zum Thema Banken äussern? Ist Blocher politisch korrekt?

Quote:
Deshalb sind sie auch nicht fähig zu erkennen, dass der Lehman-Kollaps nicht die Ursache der Krise, sondern das Resultat von zu viel Leverage in der gesamten Finanzindustrie war.



Lehman hat das Fass zum überlaufen gebracht, aber das Fass ist nach wie vor voll. Wer das nicht versteht, der will nicht verstehen, aber Verdrängung aller unangenehmen Gedanken gehört zum System Homo sapiens wie der Teufel und das Weihwasser.

Quote:
Wir hatten über Jahre hingweg eine enorme Inflation durch die von den Zentralbanken initiierte und durch Geschäftsbanken vollzogene Geldschwemme.



Vor Jahren habe ich diese Frage bezüglich Aktienhausse schon einmal aufgeworfen - naiv, laienhaft und dadurch kaum berechtigt, Sonntagsredner in Frage zu stellen. Heute morgen habe ich den Artikel übrigens beiseite geschoben, gleich als ich las:

aus Deinem TA-Link
Quote:
Ich denke, man braucht uns jetzt, um wieder Vertrauen bei den Kunden zu schaffen.



Und zuvor, um das Vertrauen abzuschaffen? Ein echt schlagendes Argument! Nun habe ich mich weiter vorgewagt und komme zum Resultat, der Mann ist ein vorgeschobener Pausenclown zur Überbrückung der nächsten Phase in diesem Welttheater. Eine Aussage wie die andere politisch belastet, ein Bsp:

Quote:
Das, was die Lehre voraussetzt, die Effizienz der Märkte, hat sich als nicht relevant erwiesen.



Doch doch, und ob, aber nicht im propagierten Sinne, sondern im Sinne derjenigen, welche die Geldschwemme mit offenen Armen empfangen haben. Der Markt war und ist vielleicht nicht nachhaltig, aber im Sinne des von den demokratischen Massen Geduldeten sogar überaus effizient. Eben mal so eine Extra-Portion Bruttoirgendwasprodukt von ganzen Staaten in den Wirtschaftkreislauf zu schieben ist eine wahre Höchstleistung, die nicht alle Tage vorkommt.

In jedem funktionierenden Markt gibt es Gewinner und Verlierer, der Staat als freier Marktteilnehmer hat sich entschieden und freiwillig das kürzere Streichholz gezogen - sehenden Auges. Das tut er übrigens nicht zum ersten Mal, die Banken sind auch nicht die einzige Branche, von der sich der Staat - und mit ihm die Masse, (fast) jeder freie Demokrat - auf der Nase rumtanzen lässt, man vergleiche nur mal die peinlichen "Beamten" in Sachen Schweinegrippe.

Den Rest seiner Sonntagsrede behalte ich mir vor nicht zu kommentieren, ich würde ihn genüsslich demontieren :-), was bekanntlich nicht grad vielen Leuten mundet.

Die Amis auf Kurs

Grüsse
kosh

Geschrieben von: McShorty, am 16-09-2009 06:26
Hallo,
@ kosh, schöner Post, warum nich tmal wieder im DGF
@HRR, wie immer besten Dank für den Blog, nur weiter so
Gruß McShorty

Geschrieben von: egghat website, am 16-09-2009 10:06
Die 5% Eigenkapital wären ja schonmal was. Aber warum nicht 8% wie früher? Das macht einen Hebel von 12,5, was für die Investmentbanken bis 2004(?) galt. Man sieht daran, dass es sehr wohl geht und keiner jammern sollte, dass das unmöglich umzusetzen sei ...

Wichtig außerdem, dass die Prozyklik aus Basel 2 raus muss. Es ist ziemlich bescheuert wenn Banken für Asset Backed Securities mit AAA nur 1,6% mit Eigenkapital hinterlegen müssen, nach einer Abwertung auf C aber 100%. Egal wie groß der Puffer ist, saugen damit schon Herabstufungen von relativ kleinen Teilen der Bilanz große Teile des Eigenkapitals auf.

Und die Macht darüber hat nicht einmal die Bank, sondern eine Ratingagentur ...

Zahl des Tages

(zu den Kommentaren scrollen).

Geschrieben von: HRR, am 16-09-2009 10:13
@egghat

Die 5 % Eigenkapital beziehen sich auf alle Aktiven - also nicht risikogewichtet.

Risikogewichtetes Eigenkapital gibt es schon seit 1988. hier gibt es die Details

Geschrieben von: kosh, am 16-09-2009 11:31
Hallo @McShorty

1) Danke.
2) Weil ich "sehenden Auges" auf meine weitere Mitgliedschaft verzichtet habe. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es @HRR nicht unangenehm wäre, wenn Du auf seinen Blog verlinkst :-)

Grüsse
kosh


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