"Wenn du dir Feinde machen willst, dann versuche, die Dinge zu ändern."
Mit diesem Zitat verabschiedete sich Philipp Hildebrand als Chef der
Schweizerischen Nationalbank. Völlig konsterniert nahm das helvetische
Publikum den vorläufig letzten Akt um Macht und Moral zur Kenntnis.
Hildebrand konnte seine Unschuld nicht beweisen. Der Verdacht des
Insiderhandels war nicht mehr aus der Welt zu schaffen, obwohl seine
Frau öffentlich jede Verantwortung auf sich nahm. Die ehemalige
Devisenhändlerin hatte zu einem Zeitpunkt Dollars gekauft, als die
amerikanische Währung nach ihren Angaben lächerlich billig war. Diese
Ansicht vertraten zu jenem Zeitpunkt auch die Schweizer Politik und die
Exportindustrie und forderten von der SNB ein Eingreifen in die
Finanzmärkte, was später auch geschah. Im Rückblick konstruierte die
Weltwoche daraus einen Insiderhandel. Hildebrand verneinte dies bis
zuletzt: "Ich habe in dieser Geschichte nie gelogen."
Alles
deutet darauf hin, dass Hildebrand über die Unsensibilität seiner Frau
gestolpert ist, was diese auch bestätigt und deren politischen
Auswirkungen nicht die nötige Beachtung geschenkt hatte. Heute ein
Urteil darüber zu fällen ist einfach, zu einfach. Im Sommer letzten
Jahres wartete die ganze Schweiz auf seine Entscheidungen, wie der
Schweizer Franken geschwächt werden konnte. Kein Tag verging, ohne das
Forderungen seitens der Politik an ihn gestellt wurden. Der Dollarkauf
seiner Frau musste für ihn damals eine Petitesse gewesen sein, die er
durch eine Meldung an den Bankrat als erledigt erachtet haben musste.
Es war eine Fehleinschätzung.
Hildebrand war seinen Widersachern
schon früh auf die Füsse getreten. Niemand wusste das besser als er.
2008 gabe er an der Rive-Reine-Tagung Marcel Ospel den Gnadenstoss, als
er der versammelten Wirtschaftselite zum ersten Mal zeigte, dass die
UBS mit 1.5 Prozent Eigenkapital unterwegs war. Eine Schmach für den
lange gefeierten UBS-Präsidenten, der kurz darauf seinen Stuhl räumen
musste (Zitat Tagesanzeiger). Der SNB-Präsident machte keinen Hehl
daraus, dass er die Grossbanken zurückstutzen wollte. In einer
Presseerklärung im Juni 2008 sagte er:
Das Eingehen von Risiken
ist das Kerngeschäft der Banken und entsprechend auch erwünscht.
Wichtig ist dabei, dass die Risiken kontrolliert eingegangen werden und
auch getragen werden können. Die Erfahrung zeigt, dass dies nicht immer
der Fall ist.
Es liegt in der Natur der Finanzmärkte, dass es
immer wieder zu Krisen kommt. Selbst mit dem besten Risikomanagement
können Banken plötzlich von unerwarteten Ereignissen und Entwicklungen
getroffen werden. Ich bin überzeugt, dass es auch in Zukunft
Fehleinschätzungen des Managements geben wird.
Wie in unserem
Stabilitätsbericht klar dargestellt ist, operieren die Schweizer
Grossbanken mit einem sehr hohen Verschuldungsgrad. Seit Mitte der
Neunzigerjahre hat der durchschnittliche Verschuldungsgrad der beiden
Grossbanken von 90% auf über 97% zugenommen. Das heisst, auf 3 Franken
Eigenkapital kommen über 97 Franken Fremdkapital. Auch im
internationalen Vergleich ist dieses Verhältnis sehr hoch. Aus Sicht
der Eigenmittelrendite mag ein hoher Verschuldungsgrad für die Banken
zwar attraktiv erscheinen.
Philipp Hildebrand galt als Vorreiter
in der Bankenregulierung und erhielt dabei Lob von allen Gremien,
ausser natürlich von den Banken selbst. Diese sahen ihre Gewinnchancen
gefährdet als die Schweiz mit ihren Massnahmen vorpreschte. Oswald
Grübel - der Nachfolger von Ospel bei der UBS - attakierte die SNB im
Sommer 2010 und malte ein Horrorszenario an die Wand, wenn Hildebrand
seine Ideen umsetze: «Es würde das Wirtschaftswachstum erheblich
drücken, es gäbe weniger Kredite, weil jede Bank die Bilanz reduzieren
würde, das hiesse auch, dass Tausende von Arbeitsplätzen weggingen, und
sich für uns niedrigmargige Geschäfte nicht mehr lohnten.» Nichts davon
ist bis heute eingetreten, obwohl die Bilanzen massiv reduziert wurden.
Die
Grossbanken sind nun ihren ärgsten Widersacher los. Doch das Publikum
dürfte aufgewacht sein. Zu offensichtlich sind die Netzwerke zwischen
SVP, Weltwoche und dem Grosskapital, als dass sie sich weiter wie bis
anhin als Kämpfer für die Anliegen des kleinen Mannes positionieren
können, die der Elite auf die Finger schaut. Artikel kommentieren | Zu Favoriten hinzufügen (0) | Artikel zitieren | Aufgerufen: 2403
Geschrieben von: egghat , am 10-01-2012 17:08 Interessante Theorie. Wir tragfähig sie ist, wird sich noch zeigen. Denn als die Schweiz das 2010 ankündigte, war sie allein auf weiter Flur. Die Banken hatten damals zu Recht Angst. Allerdings sind die Briten inzwischen auf einem ähnlichen Weg und auch Europa will auf 9% EK gehen. Die Nachteile, die der Schweizer Bankenplatz dadurch hat, dürften inzwischen weit weniger groß sein als noch vor 1,5 Jahren. Außerdem kann man Stabilität (hohe EK-Quote) auch durchaus als Pluspunkt verkaufen. Gerade die Schweizer Banken, die einen deutlich größeren Teil ihres Geldes mit Vermögensverwaltung verdienen als die meisten anderen Banken, müssten das eigentlich gut vermarkten können. Geschrieben von: investor, am 11-01-2012 08:54 Was solls, ein Bankster weniger. Der Schweiz wurde ein Gefallen getan.  Artikel kommentieren
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