Bislang war es mir völlig unverständlich, wie die Topshots der
Bankenindustrie die Kreditkrise so unvorbereitet auf dem falschen Fuss
erwischen konnte. Doch jetzt hat sich der Schleier nach dem Lesen eines
Abschnitts aus einer Dissertation von Josef Ackermann ein wenig
gelüftet. Der Mann unterlag einem Denkfehler und wenn sein Wissen auf
dem Erkenntnisstand von damals stehen geblieben ist, dann wird einiges
erklärbar.
Anno 1977 schrieb Josef Ackermann in seinem Aufsatz "Der Einfluss des
Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen - eine theoretische Analyse":
Da
das Geld in Form von Sichteinlagen bei den Banken durch die Gewährung
von Krediten der Banken entsteht, die Forderungen darstellen, und die
Sichteinlagen Forderungen der Kreditnehmer und damit Schulden der
Banken sind, heben sich bilanztechnisch Schulden und Forderungen
gegenseitig auf.
Bereits anno 1977 hatte Joe Ackermann
begriffen, wie Banken Geld schöpfen. Damit war und ist er seiner Zeit
nachwievor voraus. Die grosse Masse hängt immer noch am Glauben fest,
der sich in Kürze so zusammen fassen lässt: Geld verschwindet nicht, es
hat nur ein anderer. Dieser Spruch, der noch aus Zeiten stammt, als
Geld an Gold gebunden war, ist seither falsch. Geld entsteht durch
Kreditvergabe und das funktioniert so:
Ein Kunde erhält von der
Bank einen Kredit. Auf seinem Konto erhöht sich nun der Stand um genau
diesen Betrag auf der Guthabenseite (das Geld, das er von der Bank
bekommen hat) und in gleicher Höhe auf der Schuldenseite (das Geld, das
er nun der Bank schuldet). Bei diesen Buchungen ist die Bank jeweils
die Gegenseite. Somit erhöht sich auch bei der Bank die Summe der
Aktiven und Passiven. Deshalb schrieb Joe Ackermann, bilanztechnisch
heben sich Schulden und Forderungen gegenseitig auf. In Kürze: Geld
gleich Schulden und ohne Schulden, kein Geld.
Der volkswirtschaftliche Vermögenszuwachs, der sich aus der Kreditgewährung der Banken ergibt, scheint daher Null zu sein.
Er scheint nicht nur Null zu sein, er ist Null. Nettogeld gibt es nicht, wenn man vom Münzgeld absieht.
Dies
entspricht aber nicht der Wirklichkeit der heutigen Geldordnung, da die
Sichteinlagen der Kreditnehmer bzw. die Banknoten - wenn man das
gesamte Bankensystem, also Banken und Zentralbanken zusammen,
betrachtet - nicht mehr eingelöst werden können.
Jetzt beginnt
Ackermann die Wirklichkeit nach seiner Facon umzudeuten. Tatsächlich
kann eine Bank die Kredite auch wieder kündigen und das Geld
verschwindet dort, wo es herkam - im Nichts. Wieso das nicht möglich
sein soll, verrät uns Ackermann nicht.
Aber die Schulden des Bankensystems als ganzes sind, weil sie nicht (mehr) eingelöst werden müssen, mit Null zu bewerten.
Obwohl
Ackermann richtig erkannt hat, dass Geld und Schulden die zwei Seiten
der gleichen Medaille sind, erklärt er nun die Bankschulden zu einem
Sonderstatus: Bankschulden sind mit Null zu bewerten. Wenn Ackermann
auf seinem damaligen Erkenntnisstand stehen geblieben ist, dann wird
jetzt auch erklärbar, weshalb er die Kreditvergabe der Deutschen Bank
massiv aufgebläht hat. Denn wer Bankschulden als Null bezeichnet, muss
folgerichtig Kredite bis zum Abwinken ausgeben (Zinseinnahmen!). Genau
dies hat er auch getan.
Durch die Kreditgewährung entstehen daher neue Forderungen, aber keine neuen Schulden im Sinne der effektiven Vermögensbilanz.
Gemäss
Ackermann können Banken somit Kredite sprechen ohne dass diese als
Schulden für die Bank relevant seien. Die Bank schafft somit durch
Kreditvergabe Reichtum. König Midas hätte daran sicher Freude gehabt.
Somit steigt das volkswirtschaftliche Vermögen um die Menge der Kredite, die die Banken gewähren!
Jetzt
hat er sich selbst widerlegt, obwohl er weiss, dass bilanztechnisch
sich Netto durch Kreditvergabe nichts verändert. Das einzige, das
wächst, ist die Bilanzsumme. Und dennoch schafft er es, durch Verleugnung der Bankschulden die Banken zu Alchimisten des Geldes
umzudeuten. Schön wärs gewesen. Die Finanzkrise, die Billionen
verschlingt, widerlegt nun Ackermanns Theorie. Deshalb müssen nun die toxischen Wertschriften buchhalterisch hoch gerechnet werden, damit die Banken nicht Schiffbruch erleiden.
Gelehrt hat
Ackermann übrigens an der HSG St. Gallen. Nur allzu gerne hätte ich
gewusst, ob die Professoren die Unlogik von Ackermanns Darstellung der
Geldentstehung durchgewunken haben. Wenn ja, dann sind sie
mitverantwortlich an der Krise
Gefunden habe ich die Trouvaille bei weissgarnix: Doktor Joe und die Schwerkraft (Trackback)
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Geschrieben von: mds, am 14-04-2009 15:11 Schrecksekunde: Dieser Blogeintrag war in meinem RSS-Reader nur einen Absatz lang, kein Hinweis auf weiteren Text. Ergo wäre ich froh um einen solchen Hinweis oder noch besser, RSS im Volltext. Gerade für die mobile Nutzung und Offline-Nutzung ist RSS im Volltext äusserst nützlich! Geschrieben von: Robert Schrey, am 14-04-2009 15:27 "Das volkswirtschaftliche Vermögen steigt um die Menge der Kredite, die die Banken gewähren." Dieser Punkt ist falsch ! richtig ist: Das volkswirtschaftliche Vermögen steigt um die diskontierten Einkommen, die durch das Kreditgeschäft entstehen, also Zinseinnahmen abzüglich Kosten, kurz: Bankgewinne, oder kapitalisiert eben die Marktkapitalisierung der Geschäftsbanken. (Grundstudium VWL !). Geschrieben von: HRR, am 14-04-2009 20:35 Ach, warum denn so kompliziert. Die Kosten des Einen sind die Einnahmen des Anderen. Aber ich möchte mich gar nicht um VWL streiten. Im besagten Beispiel geht es darum, dass Geld = Schulden sind. Ackermann hat das richtig erkannt, blendet aber plötzlich die Bankschulden aus. Und jetzt wundert er sich, dass sich die Schulden plötzlich bemerkbar machen. Geschrieben von: I.I.Oblomow, am 16-04-2009 11:40 Eine Bank ist ein Intermediär, also ein Zwischenstehender. Wenn eine Bank "einen Kredit gewährt", so ist dies lediglich die Zusage, in einem Kreditgeschäft die Rolle des Intermediärs zu übernehmen. Bilanztechnisch verlängert sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nix, weil ja lediglich ein Disporahmen eingeräumt wird, d. h. ein (Kredit-)konto kann bis zu einem bestimmten Betrag belastet werden, also negativ werden. Solange der Kreditnehmer sein Konto nicht belastet, ist der Kontostand null. Erst wenn er es belastet, also etwas einkauft, entsteht Geld und somit Bilanzverlängerung. Das entstandene Geld ist nichts anderes als die Dokumentation, daß durch einen Einkauf eine Schuld entstanden ist (Kreditgeschäft). Das Verkäuferkonto steigt um den Kaufpreis ins Plus, das Käuferkonto um den selben Betrag ins Minus. Der Verkäufer hat also ein Guthaben, der Käufer eine Schuld. Die Bank als Intermediär übernimmt mit ihrem Eigenkapital eine Ausfallshaftung gegenüber dem Verkäufer für das Risiko, daß der Kreditkäufer seine Schuld nicht tilgen kann. Für diese Ausfallshaftung kassiert die Bank eine Prämie, nämlich die Differenz zwischen Einlage- und Kreditzinsen. Geschrieben von: HRR, am 16-04-2009 12:23 @I.I.Oblomow Die Bank ist nicht nur Intermediär. Die Bank macht die gegenteilige Buchung des Kunden. Das heisst, sie ist gegenüber dem Verkäufer der Schuldner und gegenüber dem Käufer der Gläubiger. Kommt nun der Käufer (z.B. eines Hauses) in die Klemme, hat die Bank ein Problem. Das Wort Intermediär zeigt den wahren Sachverhalt somit nicht auf. Wie du dann richtig schreibst, haftet die Bank mit ihrem Eigenkapital und da ist im Vergleich zu den notleidenden Schuldnern viel zu wenig vorhanden. (Die Zinsdifferenz aus den vergangenen Jahren ist längst verfrühstückt worden). Völlig unberücksichtigt bleibt da noch die Rolle der Zweckgesellschaften, die ausserhalb der Bilanz geführt werden und nun beispielsweise den deutschen Landesbank das Genick brechen. Geschrieben von: Yves Latour , am 16-04-2009 15:03 @I.I.Oblomow & HRR Geld im Sinne von "Gesetzlichem Zahlungsmittel" ist doch nur das Eigenkapital der Bank. Guthaben auf Konten sind - bildlich gesprochen - "bankinternes Zahlungsmittel", welches im fixen "Wechselkursverhältnis" zu der GZ-Währung steht, auf welches das Konto lautet. @I.I.Oblomow Um mich HRR anzuschliessen bezüglich "Intermediär": Wenn A an B verkauft, A 100 im Plus ist, B 100 im Minus, danach B Pleite geht, dann hat A immer noch 100 auf dem Konto (was auch Ackermann meint). Der Verkauf wird nicht rückabgewickelt. Deshalb ist eine Bank auch mehr als eine Art "Buchhalter aller Wirtschaftsteilnehmer", sie haftet für die Schulden mit ihrem Eigentum. Ich empfehle Heinsohn/Steiger, Eigentum, Zins und Geld. Geschrieben von: I.I.Oblomow, am 16-04-2009 17:22 "Gesetzliches Zahlungsmittel" ist die Verbindlichkeit einer (einzigen) speziellen Bank, nämlich der Zentral-/Notenbank. Zum Begriff "Intermediär": Wenn A an B etwas (z. B. ein Haus) auf Kredit verkauft, so erhält A von B einen Schuldschein. Dieser Schuldschein kann von einer Bank angekauft werden. Aus dem Kreditverhältnis A - B wird eine Kreditkette A - Bank - B. Die Bank steht zwischen A und B, daher die Bezeichnung Intermediär. Geschrieben von: Yves Latour, am 16-04-2009 18:22 @I.I.Oblomow Zum "Intermediär": Da widersprechen wir uns nicht, aber was ist, nachdem B ausgebucht wurde? Die Bank musste ihr Eigenkapital reduzieren (wie Sie ja auch oben angedeutet haben). A verliert nichts, er hat immer noch 100 Guthaben. Die Bank steht jetzt aber nicht mehr zwischen A und B. Geschrieben von: I.I.Oblomow, am 16-04-2009 18:55 "aber was ist, nachdem B ausgebucht wurde?" Das ist der (schlagend werdende) Haftungsfall. Die Bank haftet für den Ausfall von B mit ihrem Eigenkapital. Allerdings hat in diesem Beispiel B ein Haus, das natürlich als Sicherstellung an die Bank verpfändet wurde. Das ist auch der Grund, warum Banken (theoretisch) mit relativ wenig Eigenkapital auskommen - weil die Forderungen größtenteils besichert sind. Wenn die Pfänder allerdings ihren Marktwert verlieren, wird's eng für die Bank. Siehe aktuelle Krise. Geschrieben von: Fabian, am 02-06-2011 23:53 Die These Ackermanns ist insofern falsch, da er davon ausgeht, dass sowohl die Umschlagsgeschwindigkeit des Geldes in der realen Ökonomie und im Kreditsektor identisch sind! Darauf beruht seine These! Empirisch ist das totaler Blödsinn! Jeder kann sich denken, dass der Finanzsektor Geld wesentlich schneller zum Rollen bringt, als die dröge Realwirtschaft! Und wenn die Umlaufgeschwindigkeit in einem Sektor schneller zunimmt als in einem anderen, dann ist Schluss mit lusitg und das Geld aus dem Sektor mit dem langsamereren Umschlagsgeschwindikeit wandert ab in den Sektor mit der schnelleren Umschlagsgeschwindigkeit! Für die These sollte ich nen Prof. berufung bekommen! Aber naja! Fürs www-Kollektivgedächntnis mach ich mir Gedanken über nen Artikel aus dem Jahr 2009, der von ner Diss berichtet aus dem Jahr 1977. Da habe ich noch in die Windeln ge(xxx)ackt! Gruss Geschrieben von: BOERSENMAGAZIN , am 06-09-2011 12:39 Link ergänzt: Ackermann's These, "Somit steigt das volkswirtschaftliche Vermögen um die Menge der Kredite, die die Banken gewähren", stimmt, sofern die Kredite die schließlich zu einem bestimmten Zweck z.B. einer Investition aufgenommen wurden, tatsächlich auch zweckgebunden investiert werden. Das Problem der aktuellen Finanzkrise 2008 - 2011 besteht vielmehr darin, das sich Banken außerhalb jeder Kontrolle über Niederlassungen in Steueroasen wie den Kanalinseln oder auf den Caiman's gegenseitig Kredite geben, ohne diese mit Eigenkapital zu unterlegen. Das ist das sog. Schattenbanken-System. Dieses Geld wird z. B. verwendet um Krisen zu finanzieren oder Kriege zu führen. Die Schattenbanken sind also ein reines Machtinstrument. Nachdem die Kredite aber verfinst werden müssen, die finanzierten Krisen aber keine Zinsen abwerfen, müssen die Zinsen aus der Liquidität der Kredite bedient werden. Hinzu kommt noch, das bei der Geldschöpfung aus Kredit der Zins nicht geschöpft wird und somit von vorn herein Geld fehlt, das nur wieder durch neue Kredite geschöpft werden kann. Weitere aktuelle Informationen zur Geldschöpfung in "Der INFLATIONSSCHUTZBRIEF" - der kostenlose Börsenbrief (Börsenmagazin / Anlegermagazin) hier: INFLATIONSSCHUTZBRIEF - der kostenlose Börsenbrief (Börsenmagazin / Anlegermagazin über Schutz vor Inflation, Geldschöpfung, Vermögen absichern, Geld, Finanzen, Gold und Silber) Artikel kommentieren
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