Wer kennt das nicht. Man sucht im Internet nach einem ganz bestimmten
Thema und landet dann auf einer Seite, deren Inhalt die eigene
Aufmerksamkeit weckt. So geschehen bei mir heute morgen. Gelandet bin
ich bei einer Kolumne, die die herrschende Elite nach Strich und Faden
demaskiert. Zuerst las ich fasziniert den Text, doch dann...aber lesen
Sie selbst.
Diese Krise ist verblüffend. Fast niemand sah sie kommen, fast niemand
erkannte die Gefahr und jetzt weiss fast jeder Politiker, wie sie
überwunden werden kann. Notabene dieselben Leute, unter deren Führung
die Voraussetzungen für die Katastrophe geschaffen wurden. (Quelle)
Wow, was für ein Einstieg. Kompliment!
Das
Rezept scheint ganz einfach zu sein und wird deshalb seit Monaten
ständig wiederholt: Sie pumpen Unsummen an Steuergelder in das
schlingernde System um es wieder auf Kurs zu bringen. Jede dieser
Aktionen wird vom Markt – eben dem System - begrüsst und gefeiert,
bevor es nach Tagen, teilweise schon nach Stunden weiter abwärts geht
und nach mehr Geld geschrien wird.
Daran zeigt sich, wie gross die Blase wirklich war.
Natürlich
gibt es auch die Gegenseite, die fordert, dass der Staat gar nichts
machen solle. Doch die Verantwortung für die Folgen würden auch diese
nicht übernehmen.
Garantiert nicht, denn sie wissen nicht, was sie sagen...
Denn
weder die Aktivisten noch die Bremser haben die geringste Ahnung, was
die Folgen ihres Handelns sein würden. Die Sache ist einfach zu
kompliziert. Das sieht man unter Anderem daran, dass in der Politik
immer noch über die Ursachen gestritten wird.
Die Sache ist nicht zu kompliziert. Es liegt nur am falsch vermittelten Blickwinkel in den Elfenbeintürmen.
Allerdings
gibt kaum ein Wirtschaftsexperte zu, dass es allenfalls so sein könnte,
dass unser ganzes System krankt, dass Mechanismen und Dogmen, die in
den letzten zwanzig, dreissig Jahren als sakrosankte Pfeiler der
Ökonomie gesetzt wurden, völlig daneben stehen.
Was interessiert
die ihr Geschwätz von gestern... Damit lässt sich doch heute kein Geld
mehr verdienen. Jetzt sind alle Keynesianer. Willkommen im neuen
Zeitgeist.
Quartalszahlen, Shareholder-Value, Hedge-Funds,
Derivate und die Märkte dafür. Die Reduktion von Unternehmen auf
kurzfristige Marktwerte und die Belohnung von Managern, wenn sie zu
Lasten der langfristigen Perspektiven mit Sparpaketen die kurzfristigen
Zahlen eines Konzerns pimpten.
Und Manager, die nicht nach
diesem Prinzip gearbeitet haben, wurden von den Aktionären in die Wüste
geschickt. Die Gier war grenzenlos. Da haben langfristige Perspektiven
keinen Platz mehr.
Diese Verzuhälterei der Wirtschaft galt und
gilt - unter Vorbehalt - ja immer noch als conditio sine qua non, als
das Kernstück der Unternehmenspolitik, die darüber völlig vergisst,
Werte zu schaffen oder einen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten.
Das
hat auch keiner verlangt, von Sonntagsreden einmal abgesehen. Selbst
die Pensionskassen interessieren sich nur für die Rendite, kann man
dann von Hedge Fonds etwas anderes erwarten?
Und wenn diese
Manager im Stil von Zuhältern ihre kranken Produkte in den Markt
drückten wie ihre Halbweltvorbilder geschlechtskranke Prostituierte
verkuppelten, dann kümmerte sie nur das Geld, das gerade jetzt in die
Kassen kam. Zum Teufel mit den Konsequenzen.
Was der Kolumnist
hier beschreibt, nennt sich Kapitalismus. Je länger er dauert, desto
mehr verschwindet die Moral. Der Schuldendruck ist einfach zu gross.
Doch offensichtlich ist er sich dessen genau so wenig bewusst, wie die
Elite, die er kritisiert. An einer anderen Stelle schreibt er dann
auch, was ich mittlerweile befürchtet hatte:
Geld ist nur ein Symbol, ein Tauschmittel, das erlaubt, Leistungen und Waren zu konvertieren ohne direkt tauschen zu müssen. (Quelle)
Er
glaubt auch an das Tauschparadigma, das die Krise weder erkennen noch
erklären kann. Der Vorwurf an die Elite läuft damit ins Leere. Sie
sitzen beide im gleichen Boot und konnten den Dominoeffekt nicht
erkennen, der sich je länger der Boom an den Finanzmärkten dauerte,
desto grösser aufbaute. Für jeden, der den Kapitalismus als Kettenbrief
von Schuldverhältnissen begriffen hat, war dies ein leichtes. Wer sich
dafür interessiert, hier gibt es weitere Lektüre:
Debitismus bei Wikipedia Kapitalismus per Kettenbrief Das 1 x 1 der Wirtschaft Texte zum Debitismus
(Trackback)
Artikel kommentieren | Zu Favoriten hinzufügen (0) | Artikel zitieren | Aufgerufen: 3967
Geschrieben von: kosh, am 09-04-2009 10:15 Sali @HRR Trotz allem ein schönes Fundstück. Dass der sowas schreiben darf, liegt vielleicht daran dass, übersättigt wie wir sind, eh kaum mehr einer darauf achtet. Und wenn, dann legt er es selbstzufrieden beiseite und arbeitet weiter seinen Zukunftsingenieuren in die Hände. Quote:
Und Manager, die nicht nach diesem Prinzip gearbeitet haben, wurden von den Aktionären in die Wüste geschickt. Die Gier war grenzenlos. Da haben langfristige Perspektiven keinen Platz mehr. Gestern wurde Sulzer-Ulf in die Wüste geschickt. Dafür, dass er die Firma ins Licht gestellt hat. Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten. Sulzer ist endlich so weit, in der gleissenden Sonne verbraten zu werden. Was soll's, es ist nur ein Bsp. dafür, dass sich rein gar nichts geändert hat. Alter Wein in neuen Schläuchen. Die uns auf dem Gewissen haben, werden uns retten. Quote:
Das hat auch keiner verlangt, von Sonntagsreden einmal abgesehen. Die da 52 Mal im Jahr an vielen Orten auf unserer Kugel abgehalten werden, nur um Wochentags wiederum Roulette mit gezinkten Würfeln zu spielen. Der Floh mit den Sonntagsreden / -rednern entwickelt sich allmählich zum Selbstläufer. aus http://www.tagesanzeiger.ch/meinungen/dossier/kolumnen--komm entare/Die-SonntagsLiberalen/story/26279698 Quote:
Nach Lehrbuch ist der Wettbewerb auf den Märkten die beste Sache der Welt. Am Sonntag predigen ihn alle, von Montag bis Samstag versuchen alle, den Wettbewerb auszuschalten. Als Einziger den Markt zu beherrschen, ist angenehmer, als der harten Konkurrenz standzuhalten. So ist der Sonntags-Liberalismus. Su schreibst: Quote:
Was der Kolumnist hier beschreibt, nennt sich Kapitalismus. Je länger er dauert, desto mehr verschwindet die Moral. Der Schuldendruck ist einfach zu gross. Abgesehen vom Schuldendruck vergisst der Autor die Kraft, die ihm vorausgeht. Resp. die nachlassende Kraft der Masse, auf Moral zu bestehen trotz des aufkommenden Schuldendrucks. Die Masse als Markt-Teilnehmer am Freien Markt verzichtet auf ihre Kraft, ergo erhalten mindere Kräfte unverdientes Entfaltungspotential. Die Masse hat in der Geschichte jeweils freiwillig auf ihre Gestaltungskraft verzichtet. Auf jeden infinitesimalen Kleinstverzicht - anfänglich Naivität oder Bequemlichkeit geschuldet - durch die Einzelsubjekte der Masse, bröselte gemäss Actio und Reactio ein Gegenspieler ein weiteres Legobausteinchen aus der Fassade unseres Gesellschaftsmodells. Und fast immer reagierte die Masse mit einem weiteren Verzicht. Quote:
Er glaubt auch an das Tauschparadigma, das die Krise weder erkennen noch erklären kann. Der Vorwurf an die Elite läuft damit ins Leere. Sie sitzen beide im gleichen Boot und konnten den Dominoeffekt nicht erkennen, der sich je länger der Boom an den Finanzmärkten dauerte, desto grösser aufbaute. Egal welcher Art eine Krise ist, selten begreift eine Gesellschaft, dass alle im gleichen Boot sitzen. Ergo stehen die Chancen auch knapp über 100%, dass der Homo sapiens so gut wie jedes Gesellschaftsmodell zu Fall bringen wird. Die Amis auf Kurs Grüsse koshGeschrieben von: Schweizer Narr , am 09-04-2009 12:21 "Was der Kolumnist hier beschreibt, nennt sich Kapitalismus. Je länger er dauert, desto mehr verschwindet die Moral. Der Schuldendruck ist einfach zu gross". Überlegen Sie nochmals, ob die Defintion des Kapitalismus als Schuldenverkettung nicht doch etwas zu kurz gegriffen ist. Geht wohl in die Richtung, aber Schulden zu machen hat wiederum ihre Ursachen, und Kapitalismus vollumfänglich zu erfassen geht sogar über Wirtschaftswissenschaft hinaus, bis hin zum Betrachtungswinkel von Soziologen wie Alexander Dill. Ich selbst habe noch weitere Blickwinkel zu setzen versucht und musste erkennen, Hydra ist harmlos dagegen. Geschrieben von: Thomas , am 10-04-2009 07:07 Zitat: "Für jeden, der den Kapitalismus als Kettenbrief von Schuldverhältnissen begriffen hat, war dies ein leichtes" Ich bestreite nicht, daß der "Kapitalismus" die Tendenz hat, Schuldenberge aufzuhäufen. Und gerade in den letzten 10-15 Jahren haben sich an bestimmten Stellen beachtlich hohe Schuldenberge angehäuft, die einen großen Teil der Schuld an den momentanen Problemen tragen. Was ich aber bestreite ist, daß es einen systemimmanenten Zwang des "Kapitalismus" gibt, daß dieser auf einem Kettenbriefsystem der Verschuldung beruhen muß. Hat m.E. bisher niemand überzeugend darlegen können. Das "Tauschparadigma" mag für viele Dinge zu kurz greifen. Es aber ganz wegzuwerfen und durch ein "Debitismus-Mantra" zu ersetzen, geht m.E. einen großen Schritt zu weit. Geschrieben von: HRR, am 10-04-2009 09:56 @Schweizer Narr Der Debitismus geht zurück bis zur Urschuld, der Schuld an sich selber essen zu müssen. Viel weiter kann man nicht gehen. Geschrieben von: HRR, am 10-04-2009 10:33 @Thomas Ich bestreite nicht, daß der "Kapitalismus" die Tendenz hat, Schuldenberge aufzuhäufen. Tendenz oder Zwang, das ist die Frage. Die Tendenz der Staatsverschuldung weltweit deutet doch eher auf Zwang hin... Gemäss Debitismus gibt es den Zwang. Paul C. Martin beschreibt es im Tsatsiki-Effekt: Ein junger Berliner leiht sich bei seiner Bank 1000 Mark für ein flottes Wochenende in München. Alles bestens. Nach einem Jahr will er sich wieder 1000 Mark leihen. Ja, sagt die Bank, wir müssen aber 100 Mark Zinsen einbehalten. Wieder ein Jahr später will er wieder 1000 Mark. Die Bank sagt: Klar, abzüglich 200 Mark Zinsen. Mit den 800 Mark fährt der Mann nach Coburg. Und so weiter. Schließlich kommt der Mann in die Bank und sagt: Noch mal 1000 Mark. Ja, sagt die Bank, aber 900 Mark gehen inzwischen für Zinsen ab, die wir gleich einbehalten. Hier sind die restlichen 100 Mark. Die nimmt der Mann und geht mit Bruder und Freundin um die Ecke zum Griechen. Sie bestellen Retsina, Oliven, Weinblätter, drei Portionen Gyros. Obwohl der Mann jedes Jahr 1000 Mark Schulden gemacht hat, ging seine Nachfrage nach den Dingen des Lebens immer mehr zurück. Noch ein Jahr später wird er wieder 1000 Mark Schulden machen, aber er kriegt keinen Pfennig ausgezahlt. Er kann sich nicht mal mehr den Griechen leisten. Er läuft heulend am Lokal vorbei. Der Grieche ist ein netter Mensch und schenkt dem Mann -was? Eine Portion Tsatsiki. Genau das ist die Lage des Staates. Obwohl er immer weiter Schulden macht, hat er immer weniger Geld zur Verfügung, das er ausgeben könnte. Der Finanzminister läuft heulend durch die Straßen. gefunden bei: Miprox Geschrieben von: Thomas , am 14-04-2009 16:22 @HRR Mir ist nicht so richtig klar, was die Anekdote beweisen/zeigen soll...? Geschrieben von: HRR, am 14-04-2009 20:41 @Thomas Das Beispiel besagt, dass es nicht eine Tendenz zum Schulden machen gibt im Falle des Staates, sondern einen Zwang. Das ist der grosse Unterschied. Die Staatsverschuldung steigt dauernd weiter an - Kleinstaaten mal aussen vor. Und der Grund ist der Tsatsiki-Effekt. Damit die Staatsverschuldung nicht ansteigt, müssten die Steuern erhöht oder die Ausgaben gedrosselt werden. Beides führt aber zu einer Leistungskürzung seitens der Bürger, welche deswegen dann weniger Geld haben, welches sie ausgeben können. In der Folge fallen die Steuern und die Staatsverschuldung steigt wieder an. Man kann es drehen und wenden wie man möchte. Der Schuldenzwang bei den Staaten besteht. Geschrieben von: Thomas , am 15-04-2009 17:06 Sorry, aber für mich ist das eine Behauptung, kein Beweis. Es gibt ja auch eine ganze Reihe von Staaten, die keine Netto-Schulden haben, sondern Netto-Vermögen. Etwa Singapur, Norwegen, und die Emirate. Auch China kann man nicht gerade als überschuldet bezeichnen. Und was die Zinsen betrifft, die im Beispiel so prominent vorkommen: Japan zahlt schon seit zwei Jahrzehnten praktisch gar keine Zinsen auf seine Staatsschuld. Und bei den Euro- und US$-Zinsen geht's in letzter Zeit ja auch zunehmend in die gleiche Richtung. Geschrieben von: HRR, am 15-04-2009 18:53 @Thomas Deine Liste müsste dich doch selbst etwas stutzig machen. Norwegen und die Emirate sitzen auf Oel, Singapur ist die Steueroase Asiens und China hat sein Volk bis vor einem Jahr geknechtet. Jetzt geht es aber mit der Staatsverschuldung munter vorwärts - Konjunkturprogramme bis zum Abwinken. Geschrieben von: Thomas , am 17-04-2009 08:29 Was hat des "knechten" des chinesischen Volkes damit zu tun, ob die Staatsverschuldung steigt oder fällt? Und vielleicht hat die westliche Staatsverschuldung ja auch u.a. damit zu tun, daß Geld in die Ölländer und Steueroasen dieser Welt abgeflossen ist... Wenn die These des Debitismus stimmt, müßte sie ja wohl weltweit zutreffen, d.h. für den "Durchschnitt" aller Länder. Geschrieben von: HRR, am 17-04-2009 09:22 Knechte sind billiger als ein Volk, das mit Sozialleistungen bei Laune gehalten werden muss. Genau, es geht um den Durchschnitt und im Durchschnitt stimmt die These. Falls nicht, bin ich für eine Widerlegung dankbar. Geschrieben von: Thomas , am 17-04-2009 21:24 Was eine erschöpfende statistische Studie angeht, bin ich momentan rein zeitlich überfordert. Interessant wäre es aber. Hier ein Zitat aus dem Wikipedia-Eintrag "Staatsverschuldung: "Historisch waren Kriege und Wirtschaftskrisen die wesentlichen Antriebskräfte für steigende Verschuldung. Die Phase des Wirtschaftswachstums vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis Anfang der 1970er-Jahre ermöglichte in den meisten Industrieländern einen Schuldenabbau. Danach ist die Verschuldung in fast allen OECD-Ländern bis 1996 rasant angestiegen; seitdem sinken sie ." Behauptung ist also: Rückgang von 1950 bis in die 1970er Jahre. Gestiegen dann ja wohl auch wegen Ölschock (d.h. Mittelabfluß zur OPEC). Seit 1996 dann wieder leichter Rückgang (bis vor kurzem). Wenn das so stimmt, ist das keine so eindeutige weltweite Tendenz, würde ich sagen. Was China betrifft: Ich denke schon, daß China eine Rolle spielt, da es riesige Handelsüebrschüsse erzielt, die vom Ausland bezahlt werden müssen. Nicht umsonst hält China große Teile der amerikanischen Staatsschulden - damit haben die USA ihre Importe aus China bezahlt... Geschrieben von: I.I.Oblomow, am 18-04-2009 05:22 Zu den ständig wachsenden Schuldenbergen eine grundsätzliche Betrachtung: Kredit heißt, A verkauft an B ein Gut (Ware, Dienstleistung) und B bleibt die Gegenleistung vorerst schuldig. Diese Schuld wurde früher in z. B. Gold- oder Silbereinheiten gemessen, heutzutage ist die Einheit undefiniert. Um sich zu entschulden, muß Schuldner B dem Gläubiger A etwas verkaufen, dessen Preis der offenen Schuld entspricht. Nun ist aber Gläubiger A (im heutigen Kreditgeldsystem) prinzipiell in der Lage, diese Entschuldung zu blockieren: Er "spart", d. h. statt zu konsumieren legt er sein Geld (= Kredit-/Schuldforderung) "auf die hohe Kante" (= Sparbuch, Anleihe, "Fondssparen" usw.). Für den Schuldner B wächst die Schuld nominell aufgrund der auflaufenden Zinsen. Er hat im wesentlichen 2 Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen: 1) Er geht in Konkurs, wodurch Schulden und ("Spar-")Guthaben zwangsweise gelöscht werden. 2) Er versucht, im laufenden Geschäftsbetrieb a) Preiserhöhungen durchzusetzen, um dadurch die (nominellen) Schulden (real) zu entwerten => Inflation bzw. b) mit neuen Produkten (finanziert durch zusätzliche Schulden und zu tendenziell höheren Preisen) den Sparer zum Konsum zu verleiten. Eine wachsende (Welt-)Wirtschaft (mehr Marktteilnehmer = wachsende Weltbevölkerung, mehr Umsatz = höheres Produktions-/Konsumniveau) bedeutet automatisch einen größeren Schuldenberg. Ein besonderer Schuldner ist der Staat: Er verschuldet sich, um einzukaufen (Beamte, Infrastrukturprojekte) bzw. um Geschenke zu verteilen (Sozialleistungen, "Umverteilung"). Zur Entschuldung werden Steuern eingetrieben, was eine Zwangskomponente enthält (z. B. bei Grundsteuern). Diese Staatskomponente wirkt grundsätzlich stimulierend bzw. unterstützend für eine Wirtschaft. Allerdings kann sich dieser Effekt (bei übermäßiger / "unsinniger" Verschuldung bzw. zu hoher Steuerbelastung) auch ins Gegenteil verkehren: Die Wirtschaft wird abgewürgt. (Frage nach der optimalen Staatsquote etc.) Zur Frage Tendenz oder Zwang: Es ist vielleicht ein "sowohl als auch". Es gibt Tendenzkomponenten und es gibt Zwangkomponenten. Hinzu kommt die eher philosophische Frage: Wenn mein Körper Hunger meldet - bin ich dann gezwungen, ihm Futter zu verschaffen, oder habe ich die freie Wahl zu verhungern? Geschrieben von: I.I.Oblomow, am 18-04-2009 10:21 Ad Tauschparadigma. Bin gerade wieder andernorts in einem Kommentar über einen solchen Satz gestolpert: "Und Geld ist nur ein Zwischenschritt dabei." Dieses simple Tauschverständnis blendet den Zeit- und Machtaspekt in der Gläubiger-Schuldner-Beziehung und die sich daraus ergebende Dynamik aus. Geschrieben von: HRR, am 18-04-2009 11:10 Dieses simple Tauschverständnis blendet den Zeit- und Machtaspekt in der Gläubiger-Schuldner-Beziehung und die sich daraus ergebende Dynamik aus. Ein entscheidender Punkt. Die aktuelle Krise zeigt sehr deutlich, dass Macht entscheidet, ob bezahlt wird oder nicht. Es ist eine Frage der Politik, ob die Gläubiger ins Gras beissen oder der Steuerzahler zum Handkuss kommt. Geschrieben von: I.I.Oblomow, am 18-04-2009 11:42 @ HRR Kredit hat enorm viel mit Vertrauen zu tun, wie auch die aktuelle Krise zeigt. Wenn man die Gläubiger "ins Gras beißen läßt", d. h. deren Interessen mißhandelt, wird das der Vertrauensbildung abträglich sein. Wer gibt schon Kredit, wenn er seine Ansprüche ungesichert und ungeschützt sieht? Und auf Kredit ist unser ganzes kapitalistisches Wirtschaftssystem aufgebaut. Deshalb auch der Weg der Politik, Steuergelder ins System zu pumpen, um es zu stabilisieren. Geschrieben von: Thomas , am 18-04-2009 12:51 Mit dem, was Oblomow schreibt, bin ich durchgängig einverstanden. Allerdings zwei Anmerkungen: Daß eine wachsende Weltwirtschaft mit einem wachsenden Schuldenberg einhergeht, ist per se aber noch kein Problem. Ein Problem wird es nur dann, wenn der Schuldenberg auch relativ zur Wirtschaftsleistung immer weiter steigt. Solange entsprechend mehr erarbeitet wird (Wirtschaftswachstum) lassen sich proportional mehr Schulden dagegen relativ problemlos bedienen. Was die "Last" der Zinszahlung betrifft: Wenn die Kreditnachfrage erlahmt, dann sinken die Zinsen gegen null (was wir im Moment ja gerade erleben). Ist dann immer noch ein Problem, wenn auch die Preise zu sinken anfangen. Wenn man aber irgendwie dafür sorgt, daß die Preise zumindest ein bisschen steigen, dann "drückt" die Zinszahlung nicht mehr, weil man effektiv ja gar keine (realen) Zinsen mehr zahlen muss. Deshalb kommt ja auch Japan mit seiner unglaublich hohen Staatsverschuldung bisher ganz gut zu recht - sie kostet schliesslich fast nichts, was Zinszahlungen angeht. Geschrieben von: Alexander Dill , am 18-04-2009 14:01 @Schweizer Narr: Die Schulden werden nur dann ein Problem, wenn sie - verrückt genug - mit der Vermögensvermehrung durch Zinsen begründet werden. Dahinter steckt der Gedanke der risikolosen Selbstvermehrung des Geldes, dem sich jene verschrieben haben, die die Genehmigung zum Drucken von Giralgeld haben. Dieses wird dann möglichst in "reale" Werte, in Firmenanteile und Immobilien gewaschen, die von Polizei, Gesetz und Armee geschützt sind. Die Zinsen werden als Steuern und Sozialabgaben bei jenen eingetrieben, die kein Geld drucken dürfen und die alleine die Last des Wohlfahrtsstaates tragen. Sie müssen auch dann bluten, wenn der Zins historisch niedrig ist. Die Kleinkunden der staatseigenen deutschen Postbank z.B. zahlen 18,2% Zinsen für Überziehungen. Außerdem zahlen die Kleinen in Deutschland ja 19% Mehrwertsteuer und 30% Sozialabgaben, so dass die eigentliche Einkommensbesteuerung mit etwa 18% nur der dritte Abgabeposten ist. Insofern kann man nicht sagen, dass die Staatsverschuldung kein Problem sei, solange die Staatsausgaben, die mit den Schulden finanziert werden, in erster Linie der Begleichung von Pensions- , Honorar-, Gerhalts- und Vermögensansprüchen von Marktfreien dienen, nicht der Investition in Bildung, Infrastruktur und Zukunft. In Deutschland betrug der Zuschuss zur Sozialversicherung in 2008 76 Mrd. Euro, 27,6% des Bundeshaushaltes. Dieser Zuschuss wird nur deshalb bezahlt, weil - anders als in der Schweiz - Beamte und Selbstständige nicht in die gesetzliche Versicherung einzahlen müssen. Ohne diesen Zuschuss gäbe es gar kein Haushaltsdefizit in Deutschland, also keine Neuverschuldung, also keinen Zwang, das Ponzi-Scheme der Staatsanleihen weiterzuführen, also kein Switchen des Kapitals zu AAA Staatsanleihen auf Kosten von Mittelstand und Venture! Geschrieben von: I.I.Oblomow, am 18-04-2009 17:38 @ Thomas "Wenn die Kreditnachfrage erlahmt, dann sinken die Zinsen gegen null (was wir im Moment ja gerade erleben)." Vorsicht! Es gibt verschiedene Zinssätze bzw. Segmente. AAA-Staatsanleihen haben einen anderen Zinssatz als z. B. Unternehmensanleihen. Einem Unternehmen nutzen niedrige Zinsen bei Staatsanleihen überhaupt nix. Und daß die Kreditnachfrage der Staaten erlahmt, kann man ja derzeit angesichts des Finanzierungsbedarfs diverser Rettungspakete wirklich nicht behaupten, eher im Gegenteil. Zinsen (für Neukredite) bestimmen sich danach, was Gläubiger je nach Marktsituation verlangen bzw. potentielle Kreditnehmer bereit sind zu zahlen. Derzeit flüchtet halt alles in bestimmte Staatsanleihen quasi als letzten Hort der Sicherheit, deshalb sind in diesem Segment die Zinsen niedrig. Das kann sich auch wieder ändern, wenn es sich die Investoren anders überlegen. Geschrieben von: Thomas , am 19-04-2009 16:24 Ja, klar. Aber HRR's Argumentation bezieht sich (soweit ich sie nachvollziehen kann) darauf, daß der Staat sich immer mehr verschulden muß, weil es sonst nicht genug Nachfrage gibt. Mein Antwort darauf ist: Solang der Staat nur die aus welchem Grund auch immer ausgefallene Nachfrage ausgleicht, und es nicht dabei übertreibt (wozu er leider immer gerne in Versuchung gerät, aber das ist ein anderes Thema), dann ist durchaus die dauerhafte Situation denkbar, daß er sich fast umsonst verschulden kann, weil ja niemand sonst das Geld will. Das Japan-Szenario halt. Geschrieben von: hdetrckr , am 06-04-2010 18:42 yvikzvfo lrwrqfkc ypbaugki http://qviorsxr.com ltddrdql awupxtwt Artikel kommentieren
AkoComment © Copyright 2004 by Arthur Konze
Erhalten von: Debitismus « Verlorene Generation , am 10-04-2009 11:20 (PB) [...] Beim streunen durch die Blogosphäre stieß ich bei Zeitenwende (Willkommen zurück!) auf den Begriff Debitismus. Den kannte ich nicht und habe gleich versucht zu [...] Erhalten von: "Kassensturz" über das Provisionssystem der Banken | K A S S E N S T U R Z B L O G , am 22-04-2009 12:35 (PB) [...] Aufschlussreich war dafür die Aufklärung über die Retrozessionen, nämlich die Rückzahlungen der Anlagefondsgesellschaften an die Bank des Kunden. Jährlich sollen das in der Schweiz fünf Milliarden Franken sein! Verständlich, wenn einige Banken ihre Berater anweisen, diesbezüglich attraktive und nicht einfach solide Produkte zu verkaufen. Wer sich vertiefen möchte, kann das Finanzblog Zeitenwende des Exbankers Hansruedi Ramsauer konsultieren. Besonders lesenswert im angehängten Blog: der Beitrag über Das Tauschparadigma des Geldes. [...] |