Die NZZ weist in einem Artikel auf den Systemfehler der Ratingagenturen hin. Viel zu spät zwar, aber ich will jetzt nicht kleinlich sein.
Marco Curti, Präsident der Swiss Financial Analyst Association und Leiter des Research der Zürcher Kantonalbank, schreibt in einem NZZ-Gastartikel:
In Frage gestellt werden müsste das Grundproblem, nämlich das Geschäftsmodell der Rating-Agenturen wie Standard & Poor's, Moody's Investors Service oder Fitch Ratings. Deren Bonitäts-Bewertungen werden immer im Auftrag des Emittenten erstellt und von ihm auch bezahlt, also von den Produzenten von Finanzprodukten beziehungsweise den geprüften Firmen – und nicht von den Abnehmern dieser Produkte, den Anlegern.
Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Niemand würde dem Konsumentschutz vertrauen, wenn er von Nestlé und Unilever finanziert würde und niemandem käme es in den Sinn, eine von Philipp Morris gesponserte Unbedenklichkeitsstudie über jahrelanges Zigarettenrauchen ernst zu nehmen. Zu offensichtlich wären die Interessenskonflikte. Doch bei den Ratingagenturen waren fast alle blind.
Bereits im Juli 07 machte ich auf eine Studie der Universitäten Berkeley und Harvard aufmerksam, die wenig überraschend zum Schluss kamen, dass Analysten bewusst ihre Urteile über Unternehmen, die wichtige Kunden ihres Arbeitgebers sind, schönen. Leider funktioniert der damalige Link heute nicht mehr. Im Internet hatte ich nur noch eine Studie vom Oktober 07 gefunden (DO SECURITY ANALYSTS SPEAK IN TWO TONGUES?)
Und Telepolis schrieb auch schon vor einem Jahr:
Warum jedoch die Rating-Agenturen angesichts des schon länger anhaltenden Verfalls der Kreditqualität bislang so zögerlich vorgegangen sind, zeigt der jüngste Geschäftsgang von Moody's, dem ältesten Anbieter von kostenpflichtigen Bewertungen von Wertpapieren. So besorgten sich bisher rund 70 Prozent aller Emittenten von "mortgage-backed securities" (MBS - auf Hypothekarkrediten beruhede Bonds) ein Moody's-Kreditrating. Nachdem Moody's seine dahingehenden Ansprüche letzte Woche erhöht und einige umlaufende Bonds herabgestuft hatte, nahmen bei den 13 jüngsten Deals nur noch vier Emittenten die Dienste des Marktführers in Anspruch – was prompt zu einem heftigen Kurseinbruch der Moody's-Aktie führte. Weshalb die Banken dennoch ihre Risiko-Modelle auf diese Ratings aufgebaut haben, will mir bis heute nicht in den Kopf und wahrscheinlich verstehen es die Banker auch selbst nicht (mehr). Doch nicht nur sie, auch die Investoren hätten es spätestens seit Enron besser wissen können. Erst kurz vor dem Konkurs hatten die Analysten im Jahr 2002 die Anleihen des Konzerns auf spekulatives Niveau herabgestuft.
Was aber soll man jetzt tun? Nochmals Marco Curti:
Ein radikaler Lösungsansatz für den latenten Interessenkonflikt müsste sein, das Geschäftsmodell umzukehren: Die Anleger, also die Käufer der Finanzprodukte, sollten das Rating in Auftrag geben und bezahlen, denn sie sind die Nutzer dieser Produkte und tragen auch deren Risiken (besonders auch das Risiko falscher Ratings).
Meine Rede, dankeschön 
Hier geht's zum kompletten Artikel: Für eine Umkehr des Rating-Geschäftsmodells
Ein paar Zitate aus dem Blog-Archiv
Analysten haben es nicht einfach. Einerseits müssen sie die Interessen ihres Berufsstandes vertreten und ein fachlich kompetentes Rating der Unternehmen abgeben, andererseits müssen sie die Interessen ihres Arbeitgebers vertreten, der an einem möglichst positiven Rating interessiert ist, damit der Umsatz angekurbelt wird. 23. Juli 2007
Niemand hackt die Hand ab, die ihn füttert. Dies gilt auch für die Ratingagenturen. Sie waren ganz besonders freundlich zu ihren Auftraggebern. Dies ist nicht erstaunlich, erstaunlich hingegen ist, dass sich die Investoren immer wieder auf die Ratingagenturen verlassen. 16. August 2007
Die seherischen Fähigkeiten der Ratingagentur Moody hinken zur Zeit der Performance einer durchschnittlichen Tarot-Kartenlegerin schwer hinten nach. 18. August 2007
Schon die SIVs hat fast niemand verstanden und hätten es die Käufer verstanden, hätten sie es nicht gekauft. Der Grund warum die Käufer gekauft haben, war nicht weil sie die SIVs verstanden haben, sondern weil Top-Ratings von den Ratingagenturen mitgeliefert wurden. Die Ratingagenturen haben die Produkte zwar auch nicht verstanden, aber sie wurden wenigstens dafür bezahlt, während die Käufer jetzt dafür bezahlen müssen – alles klar? 19. Oktober 2007
Schon in der Vergangenheit versagten die Ratingagenturen bei den grossen Trendwenden - Trendwenden, die sich bereits am Horizont abzeichneten und deren Erkennen die Aufgabe der Ratingagenturen wäre, aber eben schlecht sind für ihr Geschäft. Kein Auftraggeber bezahlt für ein schlechtes Rating, da kann er gleich darauf verzichten. 8. Januar 2008
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